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Antifa hieß Angriff

Auf dem schwarzen Untergrund fällt der knallrote Buchtitel in Blockbuchstaben stark auf. Das Symbol der Antifa in der rechten unteren Ecke komplettiert 
das simpel gehaltene Buchcover.
Buchautor_innen
Horst Schöppner
Buchtitel
Antifa heißt Angriff
Buchuntertitel
Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren
Sie fackelten Autos ab und überfielen Neonazis: Ehemalige Aktive aus militanten Antifagruppen in der BRD der 80er Jahre berichten.
Rezensiert von Florian Osuch

Seit etwa anderthalb Jahren befindet sich die antifaschistische Bewegung in Deutschland in einer Krise. Mehrere bedeutsame Gruppierungen haben sich aufgelöst, bundesweite Großmobilisierungen liegen bereits länger zurück. Allerdings wird über die Zukunft antifaschistischer Politik und über Strategien debattiert. Gleichzeitig erscheinen Bücher zur Antifa-Bewegung oder der Geschichte der Antifaschistischen Aktion. Der Unrast-Verlag hat ein Buch herausgebracht, das sich mit dem militanten Antifaschismus der 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt. Lesenswert, denn vielfach lohnt ein Blick auf die eigene Geschichte und Entwicklungen, um Schlüsse für die gegenwärtige Politik zu ziehen. „Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren“ ist von einem ehemaligen Aktivisten unter dem Pseudonym Horst Schöpper geschrieben.

Mit dem Buch wird eine Lücke in der Literatur über die linken Bewegungen Westdeutschlands geschlossen. Bisher haben sich Autor*innen und Zeitzeug*innen vor allem mit der Studierendenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition, kommunistischen Zirkeln, wilden Streiks, Autonomen befasst, bewaffneten Gruppen wie der RAF oder der „Bewegung 2. Juni“, den frühen Jahren der Grünen, oder sie haben über die Hausbesetzer-, Frauen-, Eine-Welt- und Umweltbewegung geschrieben. Bisher fehlte es weitgehend an Literatur über Zusammenschlüsse, die etwa zwischen 1980 und 1989 militant gegen alte und neue Nazis vorgingen, die Infrastruktur der Faschisten attackierten und die Öffentlichkeit über Machenschaften von DVU, Revanchisten, NPD und Co. informierten. Das mag vor allem daran liegen, dass die Aktiven bereits damals ein hohes Maß an Geheimhaltung an den Tag legten – vor allem aufgrund befürchteter staatlicher Repressionen – und auch daran, dass sie nach Auflösung ihrer Zusammenschlüsse über Taten schwiegen. Vermutlich war Bernd Langer, langjähriger Aktivist dieser Bewegung und viele Jahre Sprecher der Autonomen Antifa (M) aus Göttingen und heute als Autor und Vortragender unterwegs, bisher der einzige, der seine Zeit als Militanter aufgeschrieben hat.

Antifaschismus als Mittelpunkt der Politik

Anfang der 1980er Jahre gab es insbesondere mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), der DKP und dem Kommunistischen Bund (KB) Gruppierungen, die sich gegen rechts engagierten, darüber hinaus auch zahlreiche Aktive aus der SPD und den Gewerkschaften. Die militanten Antifaschist*innen unterschieden sich davon nach Auffassung des Autors, denn sie stellten einzig den Kampf gegen Nazis „in den Mittelpunkt ihrer politischen Aktivitäten“ (S. 26). Für sie war Militanz gegen Sachen und Personen alltägliches und legitimes Mittel der Auseinandersetzung.

Überhaupt sei die Entstehung militanter Antifagruppen unmittelbar mit der Geschichte der autonomen Bewegung in Westdeutschland seit etwa 1980 verbunden. Allerdings seien die Militanten Antifaschisten wegen ihres „hohen Organisationsgrades (…) unbedingt von den Autonomen abzugrenzen“ (S. 26), so Schöppner, der in den 1980er Jahren selbst Teil der beschriebenen Netzwerke war.

Bei der Entstehung militanter antifaschistischer Gruppierungen muss auf die Welle faschistischer Gewalt der Jahre 1979 bis 1981 geblickt werden. Für die autonome Bewegung in dieser Zeit waren zunächst die militanten Kämpfe gegen Atomanlagen, die Startbahn West in Frankfurt am Main und der sogenannte NATO-Doppelbeschluss bedeutsam. Vor dem Hintergrund zunehmender neonazistischer Gewalt fokussierte sich ein Teil der Autonomen auf den Kampf gegen alte und neue Nazis. Bei zwei Anschlägen sprengte der Rechtsterrorist Peter Naumann im Januar 1979 zwei Sendemasten des Südwestrundfunks nahe Koblenz sowie des WDR im Münsterland. Er wollte damit die Ausstrahlung der vierteiligen Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ verhindern, bis zu 400.000 Haushalte waren davon betroffen. Bei einem Bombenanschlag auf ein Ausländerwohnheim in Hamburg im August 1980 starben zwei Vietnamesen. Im gleichen Monat tötete eine von Neonazis platzierte Bombe im Bahnhof von Bologna 85 Menschen. Beim Anschlag auf das Oktoberfest in München im September 1980 starben 13 Menschen, darunter auch der mutmaßliche Attentäter, 211 Menschen wurden verletzt. 1981 fand die Polizei bis zu 33 von Neonazis angelegte Erddepots mit Waffen. Die Mitgliederzahlen der Deutschen Volksunion des Verlegers Gerhard Frey stieg, und weitere Nazigruppierungen bildeten sich. Es begann auch der Aufstieg des ehemaligen Parteivorsitzendenden der rechten „Republikaner“, Franz Schönhuber. 1981 veröffentlichte er mit „Ich war dabei“ eine Rechtfertigungsschrift für die Waffen-SS.

Etwa ab 1983 hatten sich autonome Gruppen zu antifaschistischen Netzwerken in Nord- und Süddeutschland zusammengeschlossen. Sie tauschten Informationen über Hintermänner und die Infrastruktur der Rechten aus und verständigten sich auf Mobilisierungen gegen Treffen von Revanchistenverbänden oder Naziparteien. In Kleingruppen überfielen sie Neonazis und Kader rechter Gruppierungen, fackelten deren Autos ab, attackierten Treffpunkte oder zerstörten Druckereien, die von Rechten betrieben wurden. Im Buch wird das als Kommandomilitanz bezeichnet. Die Aktivist*innen waren nicht zimperlich: Um an Informationen zu gelangen, wurden Neonazis bedroht, beraubt und zum Teil erheblich verletzt.

Interviews mit ehemals Beteiligten

Für das 260-seitige Buch hat der Autor mehrere Jahre in Archiven recherchiert. Aufgrund des hohen Grads an Geheimhaltung war jedoch bis auf Flugblätter und Broschüren wenig Material aufzutreiben. Gegen Bernd Langer, einer der in dem Buch zu Wort kommt, wird Ende September 2015 ein Prozess wegen Billigung von Straftaten eröffnet, zuvor hatte er die Zahlung eines Strafbefehls in Höhe von 3.000 Euro abgelehnt. Langer hatte in einem Interview mit dem Neuen Deutschland den Brandanschlag auf eine Druckerei der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit im Jahr 1994 als „Superaktion“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass es andere ehemals Militante vorziehen, anonym zu bleiben. Einen Fundus bildeten Erklärungen, Selbstbezichtigungsschreiben und Debatten, die in der illegalisierten Zeitschrift radikal geführten wurden. Den Kern von „Antifa heißt Angriff“ bilden jedoch sechs Interviews mit Beteiligten, die der Autor über ihre Zeit als Militante befragt hat. Fünf Männer und eine Frau, einige davon mittlerweile pensioniert, geben ein lebendiges Bild der militanten Bewegung, über Debatten um Patriarchat und Gewalt, ideologische Differenzen oder das differenzierte Verhältnis zu den zumeist unorganisierten Autonomen. Ihre Aussagen und Berichte sowie die Ausführungen des Autors machen das Buch zu einer lesenswerten Lektüre über einen bislang wenig beachteten Teil sowohl der Geschichte der autonomem wie auch der antifaschistischen Bewegung.

Horst Schöppner 2015:
Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren.
Unrast Verlag, München.
ISBN: 978-3-89771-823-4.
264 Seiten. 16,00 Euro.
Zitathinweis: Florian Osuch: Antifa hieß Angriff. Erschienen in: Antifa anders machen!. 37/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1288. Abgerufen am: 17. 08. 2019 13:11.

Zum Buch
Horst Schöppner 2015:
Antifa heißt Angriff. Militanter Antifaschismus in den 80er Jahren.
Unrast Verlag, München.
ISBN: 978-3-89771-823-4.
264 Seiten. 16,00 Euro.