Antifa – Ein Zwischenstand
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- Immergrün Verlag (Hg.)
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- bis alle frei sind
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- Antifa-Debatten 2015–2025
Der umfangreichen Sammelband vereint zahlreiche Beiträge des autonomen Antifaschismus und bietet Anlass zum Überdenken und Weiterentwickeln.
In liberalen und linken Kreisen wurde in den letzten Jahren ausgiebig darüber diskutiert, welche Akteure warum und zu welchem Grad zurecht als faschistisch bezeichnet werden können. Zu groß war die Angst vor einem unredlichen und stets hinkenden Vergleich mit dem historischen Faschismus, gegebenenfalls vor einer Relativierung der Singularität der Shoah. Mit der Wiederwahl von Donald Trump und dem sukzessiven wie planvollen Umbau des US-amerikanischen Staates zur Autokratie scheint sich diese Debatte erübrigt zu haben. Vieles spricht dafür, dass es weltweit einen aufstrebenden Faschismus gibt – und dieser auch als solcher benannt werden sollte. Schauen wir in die USA kann dies in Hinblick auf die Selbstinszenierung des Präsidenten, seine aufgestachelten Anhänger*innen, pseudo-staatliche Milizen, die Verrohung und fortschreitende Mythologisierung des politischen Diskurses, sowie für die imperiale Außenpolitik festgestellt werden. Der neue Faschismus erscheint dabei als ein Bündnis zwischen Rechtspopulismus, autoritärem Konservatismus und explizitem Neofaschismus, die gemeinsam an der gesellschaftlichen Rückwärtsentwicklung arbeiten.
So wie der zeitgenössische Faschismus zu seinen historischen Vorläufern durch die veränderte Gesellschaftsform Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweist, verändert sich auch das Verständnis davon, was Antifaschismus ist. Beide Begriffe sind hochgradig aufgeladen und umstritten. Umso wichtiger ist es, sich einen Überblick durch jene zu verschaffen, für die Antifaschismus nicht nur ein Lippenbekenntnis oder bloßer Kampfbegriff ist, sondern ein Bündel von Praktiken, eine Einstellung und Lebensweise. Dankenswerterweise hat es sich ein Kollektiv aus vier, seit langem aktive Antifaschist*innen zur Aufgabe gemacht, über das letzte Jahrzehnt der „Antifa-Debatten“ zu reflektieren. Ihre Sammelband stellt einen Zwischenstand dar, von dem als Ausgangspunkt neue Wege in härter werdenden Zeiten beschritten werden können. Anders als etwa der Film „ANTIFA – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“ (2024) wird darin nicht ein romantisiertes Narrativ von einer im Grunde genommen zum Erliegen gekommenen sozialen Bewegung aus den 1980er und 1990er Jahren vermittelt. Vielmehr versammeln die Herausgebenden wichtige, bislang verstreut erschienene Beiträge, nach denen Interessierte sonst lange suchen müssten.
Antifaschistische Themen und Publikationen
Der erste Band „Straßenterror, Rassismus und Staatsfaschisierung“ umfasst ältere Texte aus den Jahren 2015 bis 2019, der Zweite Texte bis 2025. Die Bände sind nach den Kategorien „Straßenterror“, „Geschichtliches“, „Staatlicher Rassismus“, „Staatsfaschisierung“, „Faschisierung“, „Stand antifaschistischer Bewegung“, „Antifaschistische Strategiedebatten“ und abschließend Texte „über die und aus den Jahre(n) 1929 – 1937“ gegliedert. Die Abschnitte werden von den Herausgebenden jeweils fokussiert und kenntnisreich eingeleitet, beispielsweise wenn es unter „Antifa und Geschlechterverhältnisse“ um J. Domhöver als Paradebeispiel für eine reaktionäre Männlichkeit geht, die nicht zufällig antifaschistische Ansprüche untergräbt. In Bezug auf den „Stand antifaschistischer Bewegungen“ begleiten die Herausgebenden solidarisch, aber immer kritisch, Kampagnen wie „Nationalismus ist keine Alternative“ ab 2016, weisen auf die Entstehung von Migrantifa-Gruppen in Anschluss an den Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 hin und wissen um die Problematik der anhaltenden Erfahrungsunterschiede zwischen west- und ostdeutschen Antifas. Zeitgeschichtlich erinnert werden muss zudem daran, dass die schrittweise Aufklärung des neonazistischen Terrorismus des NSU ebenfalls im Wesentlichen ein Ergebnis von Angehörigen sowie Antifaschist*innen und Antirassist*innen war. (Beate Zschäpe und nur vier Helfer wurden erst am 11. Juli 2018 in München verurteilt; das Tribunal „NSU-Komplex auflösen“ konnte erst 2022 stattfinden.)
Die zusammengestellten Beiträge stammen insbesondere aus dem Antifaschistisches Infoblatt und dem Autonomes Blättchen, aus den Zeitungen Lotta, analyse und kritik oder ZAG – antirassistische Zeitung. Darüber hinaus von de.indymedia.org, Initiativen wie Rassismus tötet, der Informationsstelle Militarisierung sowie historischen Quellen – insbesondere von Anarcho-Syndikalist*innen und der Zeitung Linkskurve. Ihre bedachte Auswahl verdeutlicht, dass Faschismus nicht wie im bürgerlichen Verständnis als „von außen“ kommend betrachtet wird, sondern als Produkt krisenhafter staatlich-kapitalistischer Verhältnisse begriffen werden muss. Anders als die Rhetorik mancher in die Jahre gekommener Punkbands suggeriert, werden die Debatten um Antifaschismus durch feministische und antirassistische Perspektiven substanziell ergänzt und unterfüttert. Somit zeigt sich im abgebildeten Jahrzehnt des Antifaschismus auch eine emanzipatorische Reflexion und inhaltliche Erneuerung etwa gegenüber den 1990er Jahren, die bisweilen als „Baseballschlägerjahre“ mystifiziert werden. Die Kontinuitäten zu diesen sollten nicht überraschen, insofern die Kinder der Neonazis aus jenen Jahren, nun den Antifaschist*innen der jüngeren Generation gegenüberstanden.
Ein Jahrzehnt Antifa voller bewegender Ereignisse
Die Rückschau auf die Debatten mit dem Jahr 2015 einsetzen zu lassen, ist nicht zufällig gewählt, spricht man doch vom „Sommer der Migration“, in dem insbesondere Menschen, die vor dem Krieg in Syrien flüchteten, in der BRD aufgenommen wurden. Es war das Jahr, in dem sich Pegida in Dresden formierte und landesweit hunderte Geflüchtetenunterkünfte angegriffen wurden. An vielen Orten wurden Persons of Color angefeindet und es bildeten sich neue rechtsterroristische Gruppierungen. Schließlich verhalfen der sich ausbreitende Rassismus, das zunehmende verschwörungsmythologische Denken und die Mentalität der aggressiven Besitzstandswahrung der AfD zu einem bislang ungebremsten Siegeszug. Ungeachtet zahlreicher medialer Zuschreibungen war der Aufstieg der AfD nie ein vornehmlich ostdeutsches Phänomen. Ein weiterer neuartiger Akteur dieser Zeit ist die 2014 gegründete Identitäre Bewegung, die sich als aktionistische Pseudo-APO von extrem rechts inszenierte und die Debatten um den Wiederaufstieg des Faschismus mitprägte.
Der Sammelband erinnert an Ereignisse, die aufgrund ihrer Unbequemlichkeit und dem Fluss der Zeit im gesellschaftlichen Bewusstsein rasch verblassen: An die faschistischen Ausschreitungen in Heidenau 2015, die rassistische Mobilisierung in Kandel und in Chemnitz 2018. Die Bundesregierung reagiert mit einem systematischen Abbau des Asylrechts, nimmt Nicht-Staatsbürger*innen die Bewegungsfreiheit und Würde und hetzt latent oder offen gegen sie. Die grundlegende Verschiebung innerhalb der nationalstaatlichen Programmatik stellt eine bittere Lektion darin dar: Anhaltende direkte Aktionen von militanten Neonazis und rassistisch motivierte Wutbürger*innen zeigen ihre Wirkung – auch wenn dies in den bürgerlichen Medien systematisch verschwiegen wird. Während der autonome Antifaschismus dagegen fortwährend und zunehmend stigmatisiert und kriminalisiert wird, und sein handzahmes Pendant – das zivilgesellschaftliche Engagement – häufig als Feigenblatt sowie der Gewissensberuhigung dient. Dies zeigte sich im Verfahren gegen die sogenannte „Antifa-Ost“, die Konstruktion des „Budapest-Komplexes“ mit der rechtswidrigen Verschleppung von Maja T. nach Ungarn oder dem Leipziger Kessel vom 3. Juni 2023. Dabei zielt Repression bekanntermaßen nicht nur auf diejenigen ab, denen Straftaten zur Last gelegt werden, sondern lähmt das politische Umfeld, betrifft Angehörige, Freund*innen und letztendlich die gesellschaftliche Linke insgesamt.
Angesichts dessen, was uns aufgrund der weltweiten Zuspitzung von multiplen gesellschaftlichen Krisen noch bevorsteht, stellen die Debatten in den beiden Bänden zum vergangenen Jahrzehnt eine Wertschätzung des meist ungesehenen und anonymen Engagements hunderter Antifaschist*innen dar. Die Neuformierung des Faschismus im 21. Jahrhunderts sollte Anlass zum Überdenken und Weiterentwickeln dessen geben, was ein zeitgenössischer Antifaschismus sein kann. Dafür bieten die rund 790 Textseiten der beiden Bände einen umfangreichen Fundus.
bis alle frei sind. Antifa-Debatten 2015–2025.
Immergrün.
ISBN: 978-3910281196.
860 Seiten. 28,00 Euro.