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Alte Politik in neuen Kleidern

Buchautor_innen
Jan Schedler / Alexander Häusler (Hg.)
Buchtitel
Autonome Nationalisten
Buchuntertitel
Neonazismus in Bewegung
Das Auftauchen der Autonomen Nationalisten hat Linke wie Rechte verwirrt. Revolution in Nazi-Kreisen? Querfront? Aprilscherz? Ein neuer Band zum Thema hilft, diese und ähnliche Fragen zu beantworten.
Rezensiert von Gabriel Kuhn

Rechte, die wie Linke aussehen, ihre Symbole und Taktiken verwenden und gelegentlich auch noch von Tierrechten oder Konsumkritik sprechen? Spätestens seit anlässlich einer 1.-Mai-Demonstration in Hamburg 2008 ein Schwarzer Block selbstidentifizierter Autonomer Nationalisten (AN) starkes mediales Interesse auf sich zog, bemühen sich AktivistInnen des gesamten politischen Spektrums, AkademikerInnen und FeuilletonistInnen das Phänomen zu erklären und politisch einzuordnen. Dies hat neben zahlreichen Spekulationen auf Blogs, Diskussionen in Internetforen und mehr oder weniger gut recherchierten Artikeln zu einem empfehlenswerten Einführungsband mit dem Titel „Autonome Nationalisten. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“ geführt, der 2009 von Jürgen Peters und Christoph Schulze herausgegeben und in der transparent-Reihe des Unrast-Verlags veröffentlicht wurde. Eine "umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung" (S. 11) mit dieser "ästhetisch-stilistischen und strategisch-aktionistischen Neuerung im deutschen Neonazismus" (S. 320) war jedoch in den Augen von Jan Schedler und Alexander Häusler noch ausständig. Die Herausgeber des nun im VS-Verlag erschienenen Bandes „Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung“ formulieren daher in ihrer Einleitung den Anspruch,

"dieses Forschungsdesiderat zu füllen mittels einer dezidierten Beschreibung und Analyse der AN sowie einer breit angelegten sozialwissenschaftlichen und sozialhistorischen Kontextualisierung der Entwicklungsprozesse im neonazistischen Lager" (S. 12).

Um es vorwegzunehmen: Der Anspruch wird eingelöst. Den über zwanzig im Band versammelten SozialwissenschaftlerInnen und JournalistInnen gelingt es auf 320 Seiten, die Erforschung des AN-Phänomens wesentlich voranzutreiben. Erfreulich dabei ist, dass die Beiträge allesamt engagiert und anregend sind und sich nie auf trockene Wissenschaftlichkeit beschränken. Erfreulich auch, dass die Herausgeber nicht in die Extremismusfalle tappen, der zufolge die AN in einem Kontinuum mit "Linksautonomen" und "islamischen Fundamentalisten" zu untersuchen wären, während die vermeintliche moralische und politische Redlichkeit des bürgerlichen Rechtsstaats verteidigt wird. Die bereits in der Einleitung explizierte Distanz zum neuen intellektuellen Liebkind des demokratischen Schutzwalls, der "Extremismusforschung", wird in Alexander Häuslers Beitrag "'Nähe zum Gegner' und 'Brüder im Geiste'? Die 'Autonomen Nationalisten' im Spiegel der Extremismusforschung" noch vertieft.

"Rückläufig"? Hoffentlich

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. In „Genese“ wird die Entwicklung der Autonomen Nationalisten von dem Auftauchen erster AN-Gruppen im Jahr 2000 bis zu den heute etablierten AN-Strukturen nachgezeichnet. In „Analyse“ werden die Charakteristika der AN, vor allem die Modernisierung rechtsextremer Jugendkultur und die deutlichen ästhetischen und zum Teil auch inhaltlichen Anleihen an die linke Szene, untersucht. Die Beiträge von Jan Schedler, "Style matters: Inszenierungspraxen 'Autonomer Nationalisten'", bzw. Fabian Virchow, "'Deutschland wird funkeln wie der junge Tau am Morgen'. Selbstbilder und Weltanschauungen der 'Autonomen Nationalisten'" dienen dabei als ausgezeichnete Einführungstexte. Sehr interessant auch der Beitrag von Eike Sanders und Ulli Jentsch zum Thema "AN und gender", der sich mit dem Spannungsfeld zwischen jugendkultureller Aufweichung und ideologischer Zementierung befasst, in dem Gender in der AN-Szene verhandelt wird.

In „Regionale Entwicklungen“ wird die Präsenz und Aktivität von AN-Gruppen quer durch Deutschland ausgelotet. Jan Schedler schätzt in "Brennpunkt Nordrhein-Westfalen: 'Autonome Nationalisten' in Ruhrgebiet und Rheinland" die dortige AN-Szene als "im bundesweiten Kontext tonangebend" ein (S. 195), während Christoph Schulze in "'Autonome Nationalisten' in Ostdeutschland" die verhältnismäßig schwachen AN-Strukturen in den neuen Bundesländern skizziert. Letzteres mag angesichts der allgemein starken rechten Jugendkulturen in der Region überraschen, doch ist es womöglich gerade die Etabliertheit der "sich 'Freie Kräfte' nennenden 'Kameradschaften'", die nur einen "eingeschränkten Bedarf nach dem distinktionsstarken Label 'Autonome Nationalisten' schafft" (S. 228). Abschließend befasst sich das Kapitel auch mit der Adaption des AN-Modells in anderen europäischen Ländern, vor allem in den Niederlanden und in der Tschechischen Republik.

In „Historische Bezüge“ werden die AN-Analysen schließlich durch Texte zur breiteren Faschismusforschung ergänzt. Daniel Schmidt schreibt über "Gewaltpraxis und Gewaltkult in der SA", Karin Priester über "Ästhetik und Propaganda im italienischen Faschismus" und Regina Wamper, Michael Sturm und Alexander Häusler über die "Aneignungspraktiken der 'Autonomen Nationalisten' in historischer und diskursanalytischer Perspektive".

„Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung“ ist gut konzipiert, mit ausgezeichneten Beiträgen versehen und, wie versprochen, umfassend. Ob sich die AN als bleibendes Phänomen im Spektrum rechtsextremer Politik etablieren können, muss sich erst zeigen. Die Herausgeber meinen in ihrem "Fazit" am Ende des Buches, dass "das Label AN […] mittlerweile rückläufig" sei (S. 318). Nichtsdestotrotz indizieren die Autonomen Nationalisten Veränderungen in der neonazistischen Szene und verdeutlichen die oft ungeahnten identitären Möglichkeiten, die postmoderne Gesellschaftsverhältnisse an der Schnittstelle politischer und subkultureller Verortung mit sich bringen. Insofern ist die vorgelegte Studie in jedem Fall von bleibendem Wert.

Jan Schedler / Alexander Häusler (Hg.) 2011:
Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-17049-7.
328 Seiten. 34,95 Euro.
Zitathinweis: Gabriel Kuhn: Alte Politik in neuen Kleidern. Erschienen in: Rechte Lebenswelten. 9/ 2011. URL: http://kritisch-lesen.de/c/927. Abgerufen am: 14. 12. 2018 22:45.

Zum Buch
Jan Schedler / Alexander Häusler (Hg.) 2011:
Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung.
VS Verlag, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-531-17049-7.
328 Seiten. 34,95 Euro.
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