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Die Lust am Faschismus

Die Lust am Faschismus
Interviewpartner_innen
Gespräch mit Morten Paul

Warum faschistische Politik auf Erregung, Ausgrenzung und Zerstörungslust setzt und welche Konsequenzen sich daraus für eine antifaschistische Kulturpraxis ergeben, erläutert Morton Paul im Buchgespräch zu „Was war Faschismustheorie?“

Faschismus wird gerade wieder überall diskutiert. Ihr blickt mit dem Sammelband „Was war Faschismustheorie?“ auf die unterschiedlichen historischen, gesellschaftlichen und sozialen Kontexte, in die Faschismustheorien eingebettet sind. Was leistet dieser Blick auf die Theoriegeschichte für unser Verständnis von Faschismus heute – und vielleicht auch für eine antifaschistische Praxis?

Morten Paul Nachdem Faschismus viele Jahre lang vor allem als Bezeichnung von historischen Phänomenen Verwendung fand, taucht der Begriff seit einiger Zeit vermehrt auch in Gegenwartsdeutungen wieder auf. Bemerkenswert finde ich dabei zunächst, dass diejenigen, die durch diese begriffliche Linse auf die Gegenwart schauen, in der Regel mit ihren Texten auch einen politischen Anspruch erheben. Mit Faschismus beschreiben sie eine Gefahr oder Bedrohung. Man analysiert sie, um etwas gegen diese Gefahr tun zu können. Es wird in diesen Texten also ein Zusammenhang zwischen Verstehen und Verhindern hergestellt. Das gibt den Texten eine besondere Dringlichkeit und verleiht ihnen einen gewissen Sound, oft auch Pathos. Beim Blick in ältere faschismustheoretische Texte fiel mir dann auf, dass sich dieser Anspruch, mit der Analyse antifaschistisch zu wirken, durch die Geschichte der Faschismustheorie hindurchzieht – und zwar mit Ähnlichkeiten bis in einzelne, wiederkehrende Absichtserklärungen hinein. Darüber bin ich gestolpert, zumal sich die Umstände, unter denen diese Texte geschrieben und gelesen wurden, wenn wir etwa die 1920er, die 1940er, die 1960er Jahre und die heutige Zeit vergleichen, doch sehr grundlegend unterscheiden. Man denke nur an den jeweiligen Zustand der Arbeiter*innenbewegung.

Was hast du mit dieser Irritation angefangen?

Also es gibt diese ungeheure Produktion an Texten, an Reden, Flugblättern, Broschüren und Büchern, die schon den Aufstieg des Faschismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begleitet hat. Diese Textproduktion war seitdem zwar Konjunkturschwankungen unterworfen, ist aber nie vollständig abgerissen. Der Faschismus fordert also offenkundig das Nachdenken in besonderer Weise heraus. Wenn es den Faschismus oder etwas dem Faschismus Ähnliches aber nach über 100 Jahren des Nachdenkens darüber, wie man ihn verstehen sollte, um ihn gut bekämpfen zu können, tatsächlich wieder oder noch immer gibt – und diese Behauptung stellen die von dir angesprochenen neueren Texte ja auf die eine oder andere Art auf –, kann von der antifaschistischen Wirksamkeit dieser Analysen zumindest nicht mehr einfach so ausgegangen werden. Das ist kein Urteil darüber, was diese Analysen sonst leisten. Viele ihrer Autor*innen haben zudem auch sonst auf verschiedene Weisen gegen den Faschismus gekämpft. Mir geht es nur um Folgendes: Wenn die Annahme zugespitzt lautet, dass aus der richtigen Analyse schon die erfolgreiche Bekämpfung folgt, dann ist diese Annahme durch den Geschichtsverlauf zumindest fragwürdig geworden und erscheint aufklärerisch-naiv.

Vielfach fehlt es in den Texten aber an einem expliziten Nachdenken darüber, wie der Zusammenhang von Analyse und antifaschistischer Praxis überhaupt genau funktionieren soll. Er wird zunächst vor allem behauptet und erscheint oft wie selbstverständlich. Die Frage, wann und unter welchen Bedingungen welche Art von Text über ein Phänomen dabei hilft, dieses zu bekämpfen oder zu verhindern, bleibt, wenn überhaupt, implizit. Ein Ziel des Bandes war es, solche implizit zugrunde gelegten Annahmen und ihre jeweiligen historischen Rahmenbedingungen herauszuarbeiten und so befragbar zu machen. Deswegen richtet der Band den Blick vom politischen Phänomen Faschismus weg auf die Geschichte der Faschismustheorie selbst.

Wenn diese Fragen in den faschismustheoretischen Texten doch diskutiert wurden und werden, dann oft dort, wo das Zerbrechen einer zuvor herrschenden Überzeugung am Faschismus ein Neuansetzen des Nachdenkens erzwang. Das betrifft theoretische Vorannahmen genauso wie hergebrachte Weisen, über Politik zu schreiben. Die Form der Theorie wird ihr selbst zum Thema. Darüber kamen gerade diese Texte dann auch zu wichtigen Erkenntnissen über die Funktionsweise und Anziehungskräfte des Faschismus, die anderen, selbstgewisseren Analysen entgehen mussten. Auch das Verstehen bleibt davon also nicht unberührt. Diese Momente in der Geschichte der Faschismustheorie sucht der Band deshalb gezielt auf und hofft, so auch etwas über Faschismus sagen zu können.

Kannst du diese Notwendigkeit der Auseinandersetzung etwas ausführen?

Der Faschismus hat mit seinem plötzlichen und brutalen Auftreten in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs viele Überzeugungen seiner Zeitgenoss*innen infrage gestellt. Er forderte damit das Begreifen heraus. Andererseits erzwang seine Gewaltpraxis unmittelbar Reaktionen, insbesondere von denen, die er als seine Gegner*innen auserkoren hatte. In der marxistischen Tradition war der Schock darüber vielleicht auch deshalb besonders ausgeprägt, weil der Marxismus als Gesellschaftstheorie der kommunistischen Bewegung ein umfassendes und systematisches Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis, Erkenntnis und Wirklichkeit formuliert hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es die Erwartung, dass sich an die Oktoberrevolution nun auch die Weltrevolution anschließen würde. Genau das Gegenteil ist passiert. In diesem Sinne war und ist der Faschismus der Stresstest für die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis, mit dem sich eine kritische Theorie der Gesellschaft immer herumschlagen muss. Das hat einerseits zu Verhärtungen geführt: Das eigene Denken wurde dogmatisch und begann, die Wirklichkeit umzudeuten, damit die Theorie weiterhin passt. Aber es gab auch die gegenläufige Bewegung, ein unorthodoxes Neuansetzen und Experimente. Solche Momente gab es natürlich auch in vielen anderen politisch-theoretischen Traditionslinien, die Bruchlinien waren dort aber vielleicht nur weniger scharf ausgeprägt.

Wenn wir solche ideengeschichtlichen Momente mit dem Band in Erinnerung rufen, ist meine Hoffnung, dass uns das hilft, bessere Antworten darauf zu finden, wie heute das Verhältnis zwischen Erkenntnis und politischer Praxis aussieht und wie es zu gestalten wäre. Denn an dem Anspruch möchte ich unbedingt festhalten. Allerdings eben nicht in dem Sinne, nun eine neue, richtige Theorie – alle anderen waren halt falsch, jetzt komme ich! – vorzuschlagen, mit der man dann endlich, weil richtig verstanden, den Faschismus verhindern kann. Das würde wieder unterschlagen, wie komplex der Zusammenhang zwischen Verstehen und Verhindern, Theorie und Praxis sich darstellt, allein wenn man in die Geschichte der Faschismustheorie schaut. Ich meine das eher in dem Sinne, dass wir so scharf stellen können, welche Aspekte auf verschiedenen Ebenen zu berücksichtigen sind, unsere Ansprüche und Ziele dementsprechend reflektieren und diese Reflexion in das Theorie-Design mitaufnehmen. Dann kann nämlich, so meine Überzeugung, gerade der Unterschied und der Zusammenhang zwischen kritischer Theorie und politischer Praxis zu einem produktiven, sich wechselseitig befruchtenden Verhältnis beitragen und Antifaschismus so stärken.

Die Scheu ist also weg, den Faschismusbegriff wieder zu benutzen. Du verwendest ihn selbst und verteidigst ihn auch. Was meinst du eigentlich mit Faschismus?

Mir scheint, dass der Begriff derzeit auch deshalb verstärkt benutzt wird, weil die etablierten Begriffe für extremrechte Tendenzen und politische Entwicklungen innerhalb der Nachkriegsdemokratien, also zum Beispiel Neofaschismus auf der einen, Rechtspopulismus auf der anderen Seite, nicht mehr so richtig greifen. Sie drohen, die Situation, in der wir uns befinden, zu verharmlosen. Dann wäre Faschismus ein an einer vergangenen politischen Entwicklung gewonnener Name, den man prüft und gegebenenfalls durch einen anderen, passenderen, vielleicht auch neuen Namen ersetzt, wenn man ihn gefunden hat. Vorschläge dazu gibt es auch und die Diskussion läuft.

Ich glaube, dass es aber darüber hinaus angezeigt ist, Faschismus auch deshalb als analytische Kategorie einzusetzen, weil sich mit ihm bestimmte Gegenwartsphänomene begreifen lassen, die einem ansonsten zu entgehen drohen. Ein wichtiger Aspekt, der faschistische Politik von anderen Politikformen unterscheidet, ist für mich seine populäre Seite, also die Art und Weise der Anrufung von Menschen und Mobilisierung von Massen. Im Kern dieser Mobilisierung steht die Aufwertung eines Kollektivs – historisch war das vor allem ein national und völkisch-ethnisch bestimmtes Kollektiv – durch Abwertung und Ausgrenzung anderer. Der andere wird dabei zum Schuldigen oder Aggressor erklärt, der für die eigene Misere, also etwa historisch die Kriegsniederlage des Deutschen Reichs, verantwortlich gemacht wird. Die Diskriminierung, Ausgrenzung oder sogar Vernichtung kann dann als Verteidigung, sogar als Notwehr verstanden werden und erscheint deshalb absolut legitim. Die Ausgrenzung ist aber wesentlich, weil nur durch sie die Integration und Aufwertung des Kollektivs erfolgt, das so – und nur so – seine Überlegenheit demonstrieren kann. Sie geht also dem Kollektiv in gewisser Hinsicht voraus und stellt es überhaupt erst her: Keine Herrenrasse ohne Gegenrasse. Der Faschismus muss sich deshalb beständig seinen Feind selbst schaffen. Und deswegen ist die fortgesetzte Gewalt, die er ausübt, auch nicht zufällig, sondern notwendig für den Faschismus. Die Philosophin Eva von Redecker hat diese Logik zuletzt mit Bezug auf die Kategorie des Eigentums noch einmal sehr genau rekonstruiert.

So gefasst verstehe ich Faschismus als eine Möglichkeit, Politik zu machen, die ab dem Moment möglich wird, in dem die Masse selbst zu einem politischen Faktor wird. In der Ständegesellschaft braucht es diese populäre Anrufung im Grunde noch nicht. Jede*r hat seinen festen Platz in einer prinzipiell unveränderlichen Hierarchie. In dem Moment aber, in dem alle Menschen zu politischen Subjekten werden, also in der Moderne mit ihren bürgerlichen Revolutionen, wird diese neue Form der Anrufung eine Option, politische Zustimmung zu organisieren. Eine Vorform bildet daher etwa der Bonapartismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts als Form populärer Restauration. Der Ku-Klux-Klan wird unmittelbar nach der Abschaffung der Sklaverei im Anschluss an die Niederlage der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg gegründet. Und insofern war der Faschismus mit dem Ende der Regime Mussolinis und Hitlers auch nicht einfach weg, sondern blieb als Möglichkeit und politische Option grundsätzlich bestehen, wenn auch in den Nachkriegsjahrzehnten einige Vorkehrungen getroffen worden waren, um seine Attraktivität und seinen Spielraum zu mindern.

In bestimmten Situationen gewinnt dieser Politikmodus nämlich einen besonderen Appeal. Eine solche Situation ist, meine ich, die Krise anderer Arten, die Massengesellschaft zu organisieren, etwa durch die bürgerlich-liberale Demokratie und ihre rechtsstaatlichen Institutionen und Verfahren. Wenn sie ihr Versprechen von Integration der Einzelnen – und damit meine ich nicht nur Wahlen, sondern auch Zugehörigkeit, Teilnahme, Selbstwirksamkeit, Perspektiven – nicht mehr einlösen kann oder zu unterlaufen beginnt, verlieren diese Institutionen und Verfahren an Legitimität. Dann gewinnt die faschistische Option, Zugehörigkeit zu organisieren, an Anziehungskraft. Das lässt sich für die frühen und die späten 1920er Jahre zeigen. Und hier gibt es, meine ich, seit der Finanzkrise 2008 auch eine starke Parallele zur Gegenwart – natürlich unter veränderten medientechnologischen und sozioökonomischen Bedingungen, man denke nur an Digitalisierung und Klimakatastrophe.

Da wird ein Kontinuum zwischen Liberaldemokratie und Faschismus sichtbar, oder?

Aus einer kapitalismuskritischen Perspektive kann man sagen: Im Kapitalismus muss die bürgerlich-liberale Demokratie dieses Versprechen immer wieder unterlaufen. Damit wäre auch die Frage nach der Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderung aufgeworfen. Das Perfide ist nun aber, dass die faschistische Option sich heute als eine solche Veränderung präsentiert und zugleich an viele Dinge nahtlos anknüpfen kann, die auch in der liberalen bürgerlichen Demokratie gelten und die sich mit der Neoliberalisierung noch einmal verschärft haben: an die Idee, dass man seines eigenen Glücks Schmied ist, dass wir alle in einem Wettbewerb miteinander stehen, an die Vorstellung, dass man deshalb besser und härter sein muss als die anderen, den Gürtel enger schnallen, und so weiter. Faschistische Politik kann sich als Bruch mit dem Status quo und Alternative zu ihm präsentieren und muss zugleich an den Grundlagen der Gesellschaftsorganisation sehr wenig verändern. Das ökonomische Programm der AfD bleibt letztlich wirtschaftsliberal. Sie bietet dafür eine Ersatzbefriedigung an. Damit will ich nicht die Brutalisierung verharmlosen, die sich hierbei noch einmal bahnbricht – sie ist ja geradezu das Mittel, wegen dessen vieles sonst so bleiben kann, wie es war. Selbst der Nationalismus ist ja nichts dem Faschismus Eigenes, sondern Geschäftsgrundlage der Nationalstaaten in der Staatenkonkurrenz. Genau das hat faschistische Politiken und Bewegungen im Übrigen auch für Teile der Eliten und bestimmte gesellschaftliche Gruppen immer wieder zu einem attraktiven Partner gemacht – bis heute. Der französische Schriftsteller Georges Bataille fasst diese merkwürdige Doppelgesichtigkeit aus Bruch und Kontinuität schon 1934 sehr genau: Er schreibt, der Faschismus sei besonders verlockend für jene, die sich von der zuvor bestehenden Ordnung etwas versprochen hätten. Seine Anhänger*innen wenden sich also von dieser Ordnung nicht wegen ihres grundlegenden Charakters ab – etwa, weil sie diesen Charakter ablehnen –, sondern ganz im Gegenteil, weil die Ordnung diesen Charakter zu verlieren droht. Die, die in einer Ordnung mit diesem Charakter sowieso keinen Blumentopf zu gewinnen haben, sind dann auch für die faschistische Variante weniger ansprechbar. Aus dieser Perspektive lassen sich einige der Rätsel, die die sozialwissenschaftlichen Befunde etwa zur Unterstützung der AfD oder Trumps ihren Interpret*innen aufgeben, auflösen.

Du hast die faschistische Logik als einen Politikmodus beschrieben. Wie lässt sich von einzelnen faschistischen Praktiken sprechen, ohne ganze Akteur:innen oder Gesellschaften vorschnell als faschistisch zu bezeichnen?

Ich glaube, man kann ganz gut das Adjektiv „faschistisch“ nutzen, um keine überdehnten Generalaussagen zu treffen. Das meine ich nicht als sprachlichen Trick oder Verlegenheitslösung, sondern als Möglichkeit, in einzelnen Arenen des Sozialen zu beschreiben, wie die geschilderte Logik zum Einsatz kommt. Das kann man etwa von einem faschistischen politischen Akteur, als den man etwa die sogenannte Neue Rechte, aber auch Teile der AfD sicher beschreiben kann, oder einem faschistischen Regime unterscheiden, das etwa als Ausnahmeherrschaft die demokratischen Verfahren und rechtsstaatlichen Institutionen in toto aussetzt, wie es eine andere prominente Faschismus-Definition erfordern würde. Die Durchsetzung dieser Logik scheint mir allerdings dann doch durchaus eine gewichtige Rolle auch für die Stabilität eines solchen Regimes zu spielen. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph John Protevi schrieb einmal sinngemäß: Tausend selbsternannte Polizist*innen machen noch keine Geheime Staatspolizei, aber sie mögen sehr wohl die Voraussetzung für ihr reibungsloses Funktionieren sein. Man findet diese Logik dann etwa in Politiker*innenreden eben nicht nur bei Politiker*innen der AfD, in bestimmten Programmatiken und Gesetzesvorhaben auch der Regierung, in den Verschärfungen des Grenzregimes oder der Militarisierung von Polizei, in der Ausweitung von Geheimdienstbefugnissen, in der Kulturförderung, in den Diskussionen in den sozialen Netzwerken selbst unter politischen Gegner*innen des Faschismus sowie im eigenen Sprechen und Handeln. Weil diese Art von Anrufung immer darauf basiert, dass man zur Selbsterhebung die Ausgrenzung braucht, entwickelt sie einen ungeheuren Drive, der mitreißt. Aus dem kann man außerdem sehr schwer wieder aussteigen, weil ansonsten das ganze Konstrukt in sich zusammenbricht und sowohl der Kaiser als auch seine Untertanen nackt dastehen. So droht die faschistische Logik um sich zu greifen und immer weitere Bereiche zu erfassen.

Manche sprechen deshalb von Faschisierung, um das als einen breiten, gesamtgesellschaftlichen Prozess zu charakterisieren. Das könnte allerdings so verstanden werden, dass es doch so etwas wie einen Endpunkt, den wahren Vollfaschismus, und Vorstufen gibt und es darum ginge. Das droht dann, meine ich, ein unterkomplexes Bild auch der historischen Faschismen aufzurufen. Mir ist dagegen wichtig zu betonen, dass ich diese Dynamik für wesentlich für den Faschismus selbst halte, Faschismus also Faschisierung ist. Im historischen Archiv der Faschismustheorien und der Faschismusforschung finden sich dann viele kluge Analysen, die diese Logik und ihre Dynamik beschreiben, Überlegungen dazu anstellen, wie man sie unterbrechen kann, wie auch dazu, wo speziell Unruheherde liegen, an denen solche Entwicklungen ihren Ausgang nehmen. Auf diese Ressource sollte man nicht ohne Not verzichten.

In klassischen marxistischen Faschismustheorien liegt der Fokus dabei auf der Ebene der ökonomischen Verhältnisse. Wie verhalten sich materielle und kulturelle Aspekte in deinem Zugang zueinander? Droht mit einem weiten Begriffsverständnis nicht das aus dem Blick zu geraten, was Faschismustheorie historisch so wichtig gemacht hat – die Frage nach Imperialismus, Klassenverhältnissen und Kapitalherrschaft?

Ich habe das bereits angedeutet: Neben dem strukturellen Aspekt, der grundlegenden Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Vergesellschaftung und der mit ihr verbundenen Subjektivierungsweise, bestand zu verschiedenen Zeitpunkten bei verschiedenen Kapitalfraktionen und gesellschaftlichen Machtgruppen ein Interesse daran, im Zweifelsfall die faschistische Dynamik für sich zu nutzen: Etwa weil man einzelne programmatische Aspekte durchaus teilte, um die Arbeiter*innenbewegung zu schwächen oder zu zerstören, um den Zugang zu Regierungsmitteln, Staatsaufträgen und günstigen Arbeitskräften zu sichern, den eigenen Vorteil in der Konkurrenz auszubauen oder um Raubkriege zu ermöglichen. Oft haben solche Versuche, die faschistische Mobilisierungskraft für eigene Zwecke einzuspannen, deren zerstörerische Eigendynamik fatal unterschätzt. Diese Versuche sehen wir auch heute. Es gibt neben kulturellen und ideologischen Schnittmengen konkrete ökonomische Gründe dafür, dass sich die Tech-Unternehmer des Silicon Valley und darüber hinaus an die zweite Trump-Administration herangewanzt haben. Daher ist es, denke ich, wichtig, die aktuelle politische Entwicklung auch als ein von „rechts oben“ vorangetriebenes Projekt zu begreifen, wie es jüngst ein Sammelband in der edition suhrkamp vorgeschlagen hat.

Das große Rätsel für die marxistischen Theoretiker*innen der 1920er Jahre war aber ein anderes: Warum war es den faschistischen Organisationen und Parteien gelungen, so viele Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die von ihrer Politik gar nicht unmittelbar ökonomisch, sozial oder politisch profitieren? Warum ist Faschismus attraktiv für Leute, die von einer Revolution – zumindest aus Sicht der Kommunist*innen – doch eigentlich viel mehr profitieren würden? Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass sich Interessen und schon gar keine politischen Entscheidungen automatisch aus einer sozialen Position oder Lage ergeben. Dazwischen liegen nicht nur ungeheuer viele Vermittlungsinstanzen wie Parteien und Vereine, Medien, Kirche, Kultur, langfristige Prägungen und Mentalitäten, sondern auch deren Verschränkung mit der Dimension des Affektiven und Psychischen. Das ist eigentlich die große Entdeckung vieler heterodoxer Marxist*innen um 1930 herum, man kann an Wilhelm Reich oder Ernst Bloch, aber auch Siegfried Kracauer, Walter Benjamin oder Simone Weil denken, dass es deshalb eine Analyse braucht, die das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Aspekte erfassen kann.

Wenn wir in die Gegenwart springen, gibt es eine Reihe sozialwissenschaftlicher Befunde, die zeigen, dass Teile der AfD-Wähler*innen ihre eigene wirtschaftliche Lage als solide einschätzen, die gesamtwirtschaftliche Situation Deutschlands aber als schlecht – oder dass zumindest eine große Diskrepanz zwischen den Einschätzungen zu diesen beiden Punkten besteht. Dann stellt der Umstand, dass Politiken der AfD zu einer realen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation vieler ihrer Wähler*innen führen würden, eben auch nicht mehr einfach einen Widerspruch dar, den man nur aufklären müsste, um diese Wähler*innen davon zu überzeugen, der AfD keine Stimme mehr zu geben. Es geht einfach um etwas anderes. Oder man denke an das viel diskutierte Volksfest, von dem die AfD qua Antrag gerne Geflüchtete ausschließen würde. Der kandierte Apfel kostet danach noch genauso viel – und darauf, ob du genug Geld für ihn in der Tasche hast, hat der Ausschluss ebenfalls keinerlei Auswirkungen. Und trotzdem scheinen solche Politikvorschläge viele anzusprechen. Deshalb ist es wichtig, das politische Moment am Faschismus ernst zu nehmen. Das hat die KPD-Politikerin Clara Zetkin schon 1923 gegenüber ökonomistischen Positionen innerhalb der Kommunistischen Internationale betont.

Inwiefern spielt dabei die Identifizierung von Menschen mit faschistischen Ideologien und Überzeugungen eine Rolle? Der Faschismus entwickelt sich als Massenpolitik, als Inszenierung, als Bewegung ja auch selbst weiter. Was passiert auf dieser Ebene? Was macht diese Politik attraktiv?

Die Literaturwissenschaftlerin Elena Stingl, die im Band über den Berlin-Besuch der Philosophin und Syndikalistin Simone Weil 1932 geschrieben hat, und ich haben an anderer Stelle in einem gemeinsamen Text versucht, von Überlegungen des erwähnten Georges Bataille ausgehend darüber nachzudenken. Bataille sagt zunächst schlicht: Die Schwäche der bürgerlichen Gesellschaft und der ihr korrespondierenden Demokratie gegenüber dem Faschismus liegt ein Stück weit darin begründet, dass sie so langweilig sind. Man erfährt sich in ihnen um wesentliche Aspekte seines Menschseins geprellt, nämlich nun in seiner formalen Gleichheit und Austauschbarkeit, als Agent der Produktion. Darüber hinaus dauert alles lange, ist kompliziert, eben ungemein vermittelt. Im Faschismus muss man sich zwar einem Führer unterwerfen, also im Grunde das Selbst jetzt vollständig durchstreichen – man denke an die Uniformierung, die Massenaufläufe und so weiter –, im Führer erlebt man dafür aber gleichzeitig eine enorme Selbstüberhöhung: Man ist Teil von etwas Außergewöhnlichem, wenn auch nur in Gestalt dieses Stellvertreters. Dessen Stärke beweist sich darin, dass andere ausgegrenzt, ausgeschlossen, gequält oder sogar vernichtet werden. Daran kann man aus der Ferne partizipieren und bekommt zudem die Lizenz ausgestellt, es ihm im Kleinen nachzumachen. So kanalisiert faschistische Politik, so Bataille, die Affekte der Einzelnen in einen ungeheuren, sich steigernden Erregungsstrom, der zwischen Masse und Führer unablässig zirkuliert. Und dem hat die bürgerliche Gesellschaft nach Bataille erst einmal ziemlich wenig entgegenzusetzen.

Jetzt kann man über das Bild, das Bataille von der Demokratie malt, streiten: Geht er nicht der faschistischen Show auf den Leim? Er bezieht seine Einschätzung jedenfalls wiederum sehr stark auf seine Kritik der kapitalistischen Grundlage der bürgerlichen Demokratie. Was ich an Batailles Überlegungen hier aber interessanter finde, ist Folgendes: Bataille betont zugleich, was für eine armselige Form von Erregung das in Wirklichkeit ist, die der Faschismus anbietet. Das sind im Grunde nur cheap thrills, Budenzauber und Taschenspielertricks. Vielleicht ist das spannender als eine verknöcherte, langweilige Demokratie, die selbst in ihrer Existenzkrise keine Kräfte entwickelt, sich zu erneuern. Aber das bleibt doch weit unter den Möglichkeiten des Menschseins, die eigentlich existieren, und sich unter anderen Bedingungen freier entfalten könnten. Diese Möglichkeit bietet faschistische Politik nicht, weil sie immer über unterwerfende Identifizierung, Einrückung ins Kollektiv und Stellvertretung sowie über Erhebung durch Abwertung operiert.

Wenn man sich gegenwärtige Faschismustheorien anschaut, spielt diese eskalative, lustvoll zerstörerische Seite eine große Rolle. Gleichzeitig wird Faschismus oft mit Uniformität, Ordnung und Disziplin assoziiert. Ist das nicht eine interessante Ambivalenz? Suchen Menschen im Faschismus also nicht Sicherheit, sondern eher eine Form von Bewegung, Erregung, Lustgewinn?

Ja, du hast vollkommen recht, ein paar Hinweise dazu, wie das zusammengeht, habe ich ja schon gegeben. Ich glaube auch, dass es nicht einfach um eine Form von politischer oder sozioökonomischer Stabilität geht, die die Politik jetzt herstellen müsste, und dann löst sich das Faschismusproblem von selbst. Der Ausgangspunkt ist vielleicht eher der Eindruck von Perspektivlosigkeit, Blockade oder Verdüsterung. Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben das ins Zentrum ihrer Analyse gestellt und eine aus diesem Blockadegefühl resultierende Zerstörungslust konstatiert. Das Versprechen, mit dem neoliberale Politiken um Zustimmung geworben haben, ist jedenfalls spätestens mit der Krise 2008 unglaubwürdig geworden und zunehmend einer Erpressungsgeste gewichen: Alles andere ist noch schlimmer. Auf diese Wahrnehmung kann man unterschiedlich reagieren. Wenn es im Neoliberalismus heißt: Wenn du dich anstrengst, dich engagierst, dein ganzes Selbst mit Haut und Haaren einbringst, hast du auch Erfolg und kannst dich darin sogar selbst verwirklichen – du strampelst aber die ganze Zeit und kommst trotzdem nicht vorwärts, dann ist das ja wirklich schrecklich und wird erst einmal als persönliche Kränkung erfahren. Dann kannst du sagen: Hier stimmt etwas nicht. Lass uns überlegen, wieso das nicht aufgeht und wie wir das gemeinsam anders machen können. Oder man versteift sich auf die Kränkung – denn das neoliberale Mantra haben wir ja alle stark internalisiert. Das ist aber auch ganz schön hart auf die Dauer. Man nimmt dann vielleicht doch lieber das Angebot an, das der Faschismus einem macht: Jemand anderes muss Schuld daran sein, dass es bei dir nicht hinhaut: Die woken Eliten, die die Migrant*innen ins Land holen, die angeblich die Innenstädte verschmutzen – als würden die Mülleimer ohne sie öfter geleert –, die Feminist*innen, die dafür sorgen, dass Frauen dir den Job wegnehmen, auf den eigentlich du Anspruch hättest – als wäre nicht die Konkurrenz das Problem, Arbeit falsch verteilt, der Zwang zur Lohnarbeit – usw. Das Bemerkenswerte ist dabei für mich: Der Faschismus versetzt dich zwar in Rage. Du schimpfst ohne Ende, die Welt ist böse und alle sind gegen dich. Das Zetern und wild Umsichschlagen führt aber nie zu einer Veränderung deiner Situation, soll es ja auch gar nicht. Die Zerstörungslust löst sich von einem Anlass und wird Selbstzweck. Im Prinzip läufst du die ganze Zeit auf der Stelle, immer schneller, letztlich bis zum Zusammenbruch, in den du aber vorher möglichst viele andere mit hineinreißt. Deshalb ist die Frage nach dem Verhältnis von Sicherheit und Bewegung im Faschismus so kompliziert. Auf der einen Seite ist es unglaublich anstrengend, sich die ganze Zeit bedroht und im Ausnahmezustand zu fühlen, aber eben auch aufregend. Auf einer anderen Ebene ist es zugleich aber eine sehr bequeme Position. Du musst nichts an dir oder an deinen Lebensbedingungen verändern. Im Grunde bleibt alles so, wie es ist. Der Faschismus, so hat der Medienwissenschaftler Brian Massumi das formuliert, erteilt dir die Lizenz, beim eigenen Ressentiment zu verweilen, immer noch eine Runde um die eigene Verletzung zu kreisen und sie offen zu halten. Dafür muss nur immer wieder ein Schuldiger erfunden werden.

Und das macht dann auch Spaß?

Ja, ich glaube, darin steckt auch ein Moment von Lust, weil du das ausagieren darfst, gedeckt durch die Feindbestimmung und die Identifikation mit dem Kollektiv, das sich in der Gewaltausübung der eigenen Macht versichert. Das verschafft dir ein erregendes Gefühl, auch wenn du an dieser Macht eben nur dadurch partizipieren kannst, dass du dich wiederum unterwirfst. Man darf das nicht zu sehr heroisieren, sonst übernimmt man wieder die faschistische Selbsterzählung als ewigen Kämpfer, der sich dem Schicksal mutig entgegenstellt. Eigentlich ist das eine Position, die jede Perspektive darauf aufgibt, dass Dinge und man selbst auch anders sein könnten.

Auf der einen Seite die Inszenierung als disziplinierter Kämpfer, der sich gegen die Unordnung der Welt richtet, auf der anderen Seite diese eskalative und zerstörerische Dynamik. Gerade wenn man Faschisierung stärker als Prozess und nicht als feststehende politische Form begreift, scheint es diese unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Momente gleichzeitig zu geben. Ich denke, das wird im Kunstbereich sehr deutlich: Aktuell gibt es viele Produktionen, die mit Übertreibung, Eskalation, Extravaganz oder einem lustvollen Ausnahmezustand arbeiten – man könnte annehmen, die faschistische Subjektivierung würde hier angesprochen. Gleichzeitig bekämpfen die Rechten gerade solche Formen der Kulturproduktion sehr vehement und geben sich kulturell oft bieder und traditionell. Warum ist das so?

Das berührt nochmal den eben diskutierten Punkt. Wenn es in einer faschistischen Subjektivierung nicht darum geht, das Verhältnis zu sich selbst und zur Welt tatsächlich zu verändern, sondern vor allem darum, die Lizenz zu erhalten, beim Ressentiment zu verweilen und es auszuleben, dann wird verständlich, warum bestimmte Formen von Kultur interessant sind – und andere nicht. Avantgardekunst, die den Anspruch hat, Körper, Geist und Welt in ein ganz anderes, neues Verhältnis zu bringen, ist da zunächst wenig attraktiv. Sie ist zudem, anders als vielleicht noch in den 1920er Jahren, heute weitgehend als links und vermutlich auch elitär verschrien.

Das Spektakel lassen sich Faschist*innen aber trotzdem nicht entgehen: Sie machen es einfach zum Horrorbild. Man denke an die Kampagne gegen das Bauhaus. Für die Angriffe der AfD ist dann auch egal, wie links und emanzipatorisch das wirklich war, darum geht es überhaupt nicht. Genauso gut lässt sich das an den Anti-Migrations- und Anti-Queer-Diskursen beobachten. Das, was man sich selbst nicht erlauben kann, weil es einen auch selbst verändern würde, wird auf andere projiziert und in den grellsten Farben ausgemalt. Man muss nur einen Blick auf die Wahlplakate werfen. Plötzlich leben die anderen eine vermeintlich grenzenlose Sexualität aus, jeden Tag in Saus und Braus, können quasi stündlich anders aussehen, sich neue Namen geben. Ich denke, das ist ein sehr potenter Mechanismus: Ich muss an mir selbst nichts verändern, kann aber trotzdem an der Vorstellung von einem Vergnügen teilhaben, das ich mir selbst eigentlich nicht erlauben darf. Ich kann bei der Festlegung darauf bleiben, wer ich bin – und mir gleichzeitig ausmalen, wie es wäre, nicht festgelegt zu sein. Dieser Wunsch ist dann aber eigentlich der Ausgangspunkt der Projektion, nicht die anderen und das, was sie tun oder lassen.

Man denkt zunächst vielleicht: Aber das passt doch überhaupt nicht zusammen. Fallen denen die Widersprüche nicht auf?

Die Widersprüche fallen auf. Nur ist das egal, weil es gar nicht um Konsistenz geht. Es gibt einen instrumentellen Zugriff auf diese Dinge, derer man sich schlicht bedient. Das wird sogar zur Machtgeste, je mehr Brüche und Widersprüche, desto besser: Einfach komplett drauf scheißen und alles verwursten. Donald Trump hat darin eine besondere Meisterschaft entwickelt. In Deutschland gibt es, ich denke aufgrund der politischen Kultur, noch stärkere Hemmungen, auch wenn Politiker*innen wie Markus Söder dieser Methode ordentlich nacheifern.

Man darf sich, glaube ich, geprägt durch die Bilder, die massenmedial sehr wirkungsvoll vom historischen Faschismus insbesondere Mussolinis und Hitlers zirkulieren, den Faschismus nicht zu homogen vorstellen, sonst entwischen einem viele seiner aktuellen Ausdrucksformen. Die Aufmerksamkeit für die verschiedenen Momente in der faschistischen Gedanken- und Bildproduktion hilft uns auch dabei, von einem monolithischen Bild des historischen Faschismus wegzukommen. Ich habe da viel aus dem Beitrag und überhaupt aus den Arbeiten der Kunsthistorikerin Friederike Sigler gelernt. Der italienische Faschismus war nicht einfach avantgardistisch, der deutsche Faschismus nicht einfach monumental und die heutigen Faschismen sind nicht einfach nostalgisch und konventionell. Als politisches Gefüge ist der Faschismus extrem flexibel. Faschistische Bewegungen können, je nachdem, was gerade gebraucht wird oder ohnehin öffentlich an Bildern, Sprechweisen, Gedanken zirkuliert, ganz unterschiedliche kulturelle Formen aufnehmen und in der faschistischen Logik miteinander verschalten. Am Ende entsteht eine Sause, wie sie der Medienwissenschaftler Simon Strick so unnachahmlich in all ihrer Widerwertigkeit in den sozialen Medien beschreibt, und irgendwas bleibt dann schon bei irgendwem haften.

Faschismus in dieser Weise zu verstehen, heißt dann auch einzupreisen, dass an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Aspekte aktualisiert werden, die in Spannung zu anderen Aspekten geraten können. Das Ganze hat zwar eine Bewegungsrichtung, die aber nicht automatisch auf einen Endpunkt zuläuft und total wird, sondern deren konkreter Verlauf vielfach von Umständen und eben auch der Gegenwehr abhängt. Das gilt auch für die faschistischen Bewegungen der Vergangenheit, selbst für den Nationalsozialismus, den der Historiker Ernst Nolte als Radikalfaschismus charakterisiert hat. So gab es in ihnen auch immer wieder brutale Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Lagern, Tendenzen zur Stabilisierung wie Beschleunigungsmomente, Radikalisierungs- und Beharrungskräfte. Und das gilt heute. Es gibt True-Believersein, Opportunismus, Passivität, Mitläufertum, Angst, Provo-Lust und edgelording. Das sind alles unterschiedliche Einsatzpunkte für den Antifaschismus.

Was folgt daraus dann für eine antifaschistische Theorie und Praxis? Wo siehst du, gerade auch im Bereich der Kultur, Ansatzpunkte für eine antifaschistische Gegenbewegung?

Man muss versuchen, die Dynamiken überall dort zu unterbrechen, wo sie um sich greifen – auch bei sich selbst. Dieses Gefühl, einen Anspruch auf etwas zu haben, dessen Erfüllung man nicht erlebt, und dann möglichst schnell einen Schuldigen dafür zu suchen. Stattdessen gilt es zu versuchen, die Situation zu verstehen, die diesen Anspruch aufruft und enttäuscht – und so auch die eigene Position in ihr zu durchdringen –, um daran dann etwas zu verändern. Die völlig falsche Strategie wäre es, angesichts der faschistischen Projektion auf Respektabilität zu setzen: zu sagen, wir sind doch gar nicht so wild, so pervers, wir sind doch genauso normal wie ihr. Das funktioniert erstens nicht, weil die Projektion eben eine Projektion ist, und zweitens, weil in ihr ja eigentlich ein Wunsch begraben liegt. Dem begegnet man nicht, indem man seiner Unterdrückung noch das Wort redet und dafür ohnehin schon angegriffene Gruppen unter den Bus wirft, sondern eher, indem man mit diesen zusammensteht, andere Weisen zu leben verteidigt und stärkt, diesen Pol unabhängig von der faschistischen Projektion und dem faschistischen Gegner stark macht. Und indem man zeigt: Das, was verstellt und verzerrt in der Projektion auftaucht, Sehnsucht, Begehren, auch Aggression, Trauer, Wut, Angst – es geht hier wirklich nicht nur um sogenannte schöne Gefühle – darf da sein! Dann kann es nämlich Be- und Verarbeitung in nicht-faschistischer Weise finden.

Die enge Bindung der bürgerlich-liberalen Demokratie an die kapitalistische Wirtschaftsweise setzt dem allerdings enge Grenzen. Wir sind, noch verstärkt durch die Neoliberalisierung und deren Behauptung von Alternativlosigkeit, auf individuelle Autonomie, Privatbesitz und wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet. Gleichzeitig merken wir, wie oft wir an dieser Orientierung scheitern und zerbrechen. Genau an diesen Punkten müssen wir in den gesellschaftlichen Konflikt gehen und andere Formen von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit, Sicherheit und Erfahrungen erkämpfen. Den Sozialstaat zu verteidigen und auch auszuweiten ist angesichts der Angriffe auf ihn wichtig, weil er elementare Sicherheiten und so die Grundlage für ein würdevolles Leben ermöglicht, die Verhandlungsmacht der Schwachen stärkt und Spiel- und Freiräume schafft. Aber darüber hinaus lautet die Aufgabe, größere Teile unseres Lebens der Aushandlung und Gestaltung zugänglich zu machen. Die zahlreichen Abhängigkeiten, in denen wir dabei notwendig mit anderen stehen, müssen wir dann auch nicht mehr einerseits identifikatorisch und unter Absehung aller gesellschaftlichen Konflikte affirmieren – Stichwort Volk und Nation –, andererseits verleugnen und bekämpfen, sondern können sie mitgestalten, so anstrengend das ist. Sonst droht auch linke Politik die Form von politischer Adressierung – das autonome Individuum, Wettbewerb und Leistung, Privateigentum, Wirtschaftswachstum – letztlich zu reproduzieren, an die faschistische Politik deren Krise anknüpfen kann. Wenn ich ein Beispiel bringen darf: Bei der Initiative zur Vergesellschaftung von Wohnraum, wie sie in Berlin von der Kampagne Deutsche Wohnen Enteignen angestoßen wurde, geht es eben nicht allein um die Frage der Anzahl von verfügbaren Wohnungen oder ihrer Bezahlbarkeit. Mit ihr ist vielmehr die Frage aufgerufen, wie wir uns auf das Wohnen beziehen, nämlich ob als Privateigentum oder als Gemeineigentum. Der Widerstand dagegen kommt deshalb nicht von ungefähr. Viele Beobachtungen, Erfahrungen, auch wissenschaftliche Befunde deuten aber darauf hin, dass solche Veränderungen faschistischer Politik sehr wirkungsvoll ihre Geschäftsgrundlage entziehen und die Attraktivität der faschistischen Option untergraben. Sie ist aber auch sonst wünschenswert, genau das ist ja ihre Stärke.

Auf der Ebene der Kultur heißt das, nicht einfach nur andere, vielleicht bessere Inhalte zu liefern – das auch –, sondern die Form der Kultur und die Bedingungen ihrer Produktion und Reproduktion ins Zentrum zu rücken. Und damit die Macht- und Besitzfrage auch in diesem Bereich zu stellen. Das gilt natürlich auch für die Theorie, um noch einmal den Bogen zum Anfang unseres Gesprächs zu schlagen.

Über unseren Gesprächspartner:

Morten Paul ist Literaturwissenschaftler und Postdoc-Mitarbeiter des Germanistischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum. Er forsch und lehrt zur Theorie- und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts sowie zur Bedeutung von Verlagen und Publikationsformaten. Publikationen u. a.: Was war Faschismustheorie? (Verbrecher 2026), Die Vertreter (als Sytin Screenwriters, intercom 2026) „Georges Batailles antifaschistische Faschismustheorie“ (gem. mit Elena Stingl, 2026), „Faschismus als Lustgewinn„ (2025), Suhrkamp Theorie (Spector books 2023).

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Das Gespräch wurde von Johanna Bröse geführt.

Zitathinweis: Johanna Bröse: Die Lust am Faschismus. Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/osHFv. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:54.

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