Zum Inhalt springen

Wir suchen wieder Rezensent:innen! Ausgabe #82: Sucht im Kapitalismus – „Nur noch einmal, und dann…!“

„Dreimal die Sieben, du sollst es kriegen Nimm das Geld, zeig allen, du kannst siegen Scheine kommen, steck sie ein 3 Uhr morgens, musst jetzt heim“ — Ebow, „Novoline“

Jede*r kennt sie: blinkende Spielautomaten in rauchigen Kneipen, verdunkelte Spielotheken, Casinos ohne Ladenschluss. Von außen betrachtet erwecken sie bestimmte Bilder im Kopf: Wer sitzt wohl dort drinnen – füttert die Maschinen mit Geld, die Augen glasig, die Bewegungen längst automatisiert – und hofft Tage, Nächte, wochenlang auf den großen Wurf, den nächsten Gewinn?

Dabei sind Glücks- und Wettspiele keineswegs ein Randphänomen: Der legale deutsche Glücksspielmarkt erzielte 2025 einen Bruttospielertrag (Einsätze minus ausgezahlte Gewinne) von rund 14,4 Milliarden Euro. Ein bisheriger Höchststand. Hinzu kommen offiziellen Zahlen zufolge 500 bis 600 Millionen Euro an illegalen Glücksspiel- und Wetterträgen, Kenner*innen der Branche sprechen gar von drei bis sechs Milliarden Euro.

Den allergrößten Anteil machen mittlerweile Sportwetten und virtuelle Automatenspiele aus. Beides hat sich zum festen Bestandteil der Unterhaltungsindustrie entwickelt: Fußballstars werben für Sportwetten-Apps, die in jeder Halbzeitpause präsent sind; in vielen Innenstädten reiht sich eine Wettbar an die nächste. Der verpflichtende Warnhinweis „Glücksspiel kann süchtig machen“ läuft dabei längst als Teil des Werbedesigns mit.

Wo Erwerbsarbeit prekär, Wohnen unbezahlbar und Aufstieg zur Illusion geworden ist, gewinnt das Versprechen, durch vermeintliche Expertise anstatt durch bloßes Glück reich zu werden, enorme Anziehungskraft. Nach dem Motto „Ich spiele ja nicht, ich analysiere“ greifen neoliberales Leistungsdenken und die Illusion von Kontrolle über den Zufall ineinander. Den richtigen Tipp abzugeben, die gewinnbringende Wette zu platzieren wird zu einer individualisierten Antwort auf die strukturelle Prekarität, zu einem oft unerreichbaren Versprechen auf soziale Mobilität – mit potentiell fatalen Folgen.

Im Wett- und Glücksspiel zeigt sich die kapitalistische Vermarktungslogik von einer besonders perfiden Seite: eine milliardenschwere Industrie verspricht den individuellen Erfolg und den schlagartigen Aufstieg. Nur noch einmal, und dann...! Aktuellen Zahlen zufolge gelten mindestens 1,2 Millionen Menschen in Deutschland als spielsüchtig – eine vielfach höhere Zahl zeigt bereits riskantes Spielverhalten. Dabei bleibt die Grenze zwischen erwünschtem Verhalten und pathologisierter Abweichung erstaunlich unscharf. Wann wird aus Konsum Sucht, aus Leistungsbereitschaft Zwang, aus neoliberal antrainierter Spekulation Glücksspiel? Welche Parallelen lassen sich zwischen Slot-Machines, die nicht auf Gewinne, sondern auf maximale Verweildauer am Gerät ausgelegt sind, Handy-Games und KI-generiertem Brainrot-Content ziehen?

Und ist es nicht bemerkenswert, dass gerade jene, die eine Ware – ob Droge oder Wetteinsatz – im Überfluss konsumieren, moralisch verurteilt werden, obwohl sie damit nur konsequent die Logik einer Konsumgesellschaft verkörpern, die genau darauf ausgelegt ist? Während nicht stoffgebundene Süchte wie Wetten und Glücksspiel ein Mitspielen im kapitalistischen Spiel versprechen, erscheinen Alkohol- und Drogensucht als Mechanismen des Ausstiegs derjenigen, die bereits an den absoluten Rand gedrängt wurden.

Aus marxistischer Perspektive stellt sich die Frage, wie diese Grenzziehungen selbst funktionieren – und wem sie nützen. Wir wollen Sucht in dieser Ausgabe nicht als individuelles Versagen, sondern als gesellschaftliches Verhältnis in den Blick nehmen. Welche Bedürfnisse, Widersprüche und Zumutungen werden in einer kapitalistischen Gesellschaft suchtförmig bearbeitet – und welche Formen von Sucht werden dabei produziert, normalisiert und ökonomisch verwertet?

Ihr habt Lust, an diesem Thema mitzudenken? Ihr arbeitet aktivistisch, wissenschaftlich oder publizistisch zum Thema? Ihr habt eine interessante Fragestellung zum Thema am Wickel und könntet euch vorstellen, einen Essay oder ein Interview zur Ausgabe beizutragen? Her mit euren Vorschlägen! Einsendeschluss für eure Vorschläge zum Schwerpunkt ist der 30.9.2026.

Zudem suchen wir jederzeit Rezensent*innen für aktuelle Neuerscheinungen in anderen Themengebieten. Auch Romane und Kinderbücher sind immer gern gesehen! Insbesondere möchten wir FLINTA*s ermutigen, uns Rezensionen anzubieten.

Wenn ihr Interesse habt, dann schickt eure Ideen bitte mit einer kurzen Begründung und ein paar Worten zu euch selbst an redaktion@kritisch-lesen.de oder an eines der Redaktionsmitglieder. Wir entscheiden nach Eingang der Vorschläge, welche Rezensionen wir gerne in der Ausgabe dabeihätten – und melden uns bei euch. Der Einsendeschluss der fertigen Rezensionen ist der 20.11.2026.

Literaturvorschläge

Rebecca Cassidy: Vicious Games. Capitalism and Gambling. Pluto Press 2020.

David T. Courtwright: The Age of Addiction. How Bad Habits Became Big Business. The Belknap Press of

Harvard University Press 2019.

Fjodor Dostojewski: Der Spieler. 1866.

Ihno Gebhardt / Stefan Korte (Hg.): Glücksspiel. Ökonomie, Recht, Sucht. De Gruyter 2018.

Burkhard Kastenbutt / Aldo Legnaro / Arnold Schmieder (Hg.): Suchttheorien in progress. Sucht im Sog gesellschaftlichen Wandels. LIT Verlag 2023.

Thomas Melchior: Im Kampf gegen Spielsucht und Wettmafia. Verlag Die Werkstatt 2025.

Christoph Peters: Entzug. Roman. Luchterhand Literaturverlag 2026.

Lena Schätte: Das Schwarz an den Händen meines Vaters. Roman. S. Fischer 2025.