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Die da unten Aktuelle Ausgabe Nr. 40, 05. Juli 2016

Die da unten

Arbeiter_innen gegen Arbeiter_innen, Marginalisierte gegen Marginalisierte, Prekäre gegen Prekäre: Verteilungskämpfe fechten die aus, die sowieso schon kaum etwas haben. Auch die Schuldfrage klären die Ausgebeuteten und Unterdrückten häufig unter sich. Warum treten Menschen so schnell (noch weiter) nach unten, anstatt ihre Wut gegen diejenigen auf der anderen Seite des Klassenverhältnisses zu richten?

Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Wissen durchgesetzt, das Armut und Arbeitslosigkeit mit falschem Verhalten der Menschen begründet. Alle wissen, dass Erwerbslose sich nicht genügend angestrengt haben. Alle wissen von der Unterklasse. Wir haben dieses Wissen von Kolleg_innen, Fallmanager_innen, Politiker_innen, Intellektuellen und Journalist_innen. Ein honoriger Philosoph zerbricht sich den Kopf über den angeblichen Niedergang der „Leistungsträger“. Ein ehemaliger Berliner Finanzsenator popularisiert die Intelligenzforschung. Comedians machen sich lustig über die „Unterschicht“. Ein rechter Publizist und AfD-Mitbegründer schlägt ein Dreiklassenwahlrecht vor. Kinokomödien und Realityshows präsentieren alltägliche Probleme der Chantals und Kevins. SPD-Politiker behaupten, es gebe kein Recht auf Faulheit, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen − und ein Besuch beim Friseur und eine gute Rasur würden ausreichen, um wieder einen Job zu finden.

All dies wirkt ideologisch − und beeinflusst unseren Alltag, unser Denken, unser Handeln. Und es dient dem positiven Selbstbild: Wer wird sich schon selbst in Florida-Rolf erkennen? So ist die Diskursfigur der Unterschicht das Gegenstück zum Idealbild der fleißigen und ehrgeizigen Bürger_innen. Doch auch Linke sind nicht gefeit: Das fällt etwa Arbeiterkindern auf, wenn sie sich in Kreisen wiederfinden, die geprägt sind von Kids aus dem Bildungsbürgertum. Die Hetze gegen die Armen finden wir in offener oder subtiler Form überall: an den Unis, am Arbeitsplatz, im JobCenter, in der Szenekneipe, am WG-Küchentisch, in der Politgruppe.

Seit einiger Zeit greifen Linke vermehrt auf den Begriff des Klassismus zurück. Dieser stammt aus den USA: Die Lesbengruppe The Furies attackierte mit Hilfe des Begriffs in den 1970er Jahren den Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos. Im deutschsprachigen Raum thematisierten linksautonome Gruppen ab Ende der 1980er Jahre den Klassismus in den eigenen Reihen. In Berlin waren es etwa die Prololesben, die sich gegen Bevormundungen in aktivistischen Zusammenhängen richteten. Momentan hat der Begriff Konjunktur: Fast jede linke deutschsprachige Publikation hat sich dem Thema in den vergangenen Jahren gewidmet. Dem wollen wir in nichts nachstehen.

Viel Spaß beim kritischen Lesen.

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