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Die Entstehung des kapitalistischen Patriarchats

Die Entstehung des kapitalistischen Patriarchats Silvia Federici
Interviewpartner_innen
Interview mit Silvia Federici
Silvia Federici ist feministische Aktivistin und Wissenschaftlerin. Sie ist Autorin der Bücher „Caliban und die Hexe“ und „Aufstand aus der Küche“. Wir veröffentlichen im Folgenden eine Übersetzung des gekürzten Interviews, das das Magazin The North Star 2014 mit ihr führte.

The North Star Kannst du uns ein bisschen etwas über dich erzählen? Wie kamst du dazu, dich an feministischen Kämpfen zu beteiligen und Autorin zu werden?

Silvia Federici Ich wurde in den 1970ern Teil der Frauenbewegung, da ich wie viele Frauen meiner Generation die Frustration teilte, ein Leben vor mir zu haben, das der Hausarbeit gewidmet ist. In den späten 1960er Jahren kam ich in die Vereinigten Staaten, um an meiner Dissertation zu arbeiten. Ich engagierte mich in der Student_innenbewegung und der Antikriegsbewegung und war davon frustriert, dort in einem stark männlich dominierten Umfeld zu sein.

Die Wurzeln meines feministischen Engagements reichen aber tiefer. Ich wuchs im Nachkriegs-Italien auf, die Auswirkungen des Krieges waren für die Erzeugung einer Unzufriedenheit in Bezug auf Reproduktion sehr wichtig. Der Gedanke, Mutterschaft zu idealisieren, wie es unsere Mütter taten beziehungsweise wie es von ihnen erwartet wurde, war vor dem Hintergrund des Massensterbens im Zweiten Weltkrieg ein sehr befremdlicher.

Und dann war Italien natürlich eine sehr patriarchale Gesellschaft. Der Einfluss des Faschismus war sehr stark und zeichnete sich durch eine Glorifizierung von Mutterschaft und ein aufopferungsvolles Bild von Weiblichkeit aus: Die Frau ist diejenige, die sich für das Allgemeinwohl aufopfert. Alle diese Faktoren waren relevant für meine unmittelbare Begeisterung für die Frauenbewegung.

TNS Eine Sache, die wir dich fragen möchten, hat damit zu tun, dass es sehr wenige radikal-feministische Ökonom_innen oder marxistische Denker_innen gibt, die sich vornehmlich mit der von Frauen geleisteten Arbeit auseinander setzen. Du bist bekannt für dein Streiten für „Lohn für Hausarbeit“, also haben wir gehofft, dass du uns diese Auseinandersetzung und ihre Wichtigkeit erklären kannst.

SF 1972 hatte ich einen Artikel einer italienischen Feministin, Maria Dalla Costa gelesen, „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“. In diesem Artikel legte Dalla Costa eine Analyse von Hausarbeit vor, die sofort viele der Fragen, die ich mir selbst stellte, beantwortete. Entgegen der gesamten Darstellung von Hausarbeit in radikaler und liberaler Literatur konstatierte sie, dass Hausarbeit, häusliche Arbeit und der ganze Komplex von Tätigkeiten, die unser Leben reproduzieren, tatsächlich grundlegend für die kapitalistische Organisation von Arbeit sind. Diese Arbeit produziert nicht nur Mahlzeiten und saubere Wäsche, sondern reproduziert die Arbeitskräfte und ist deshalb in gewisser Weise die produktivste Arbeit im Kapitalismus. Ohne diese Arbeit können keine anderen Formen der Produktion stattfinden.

Dieses Argument beeindruckte mich ungemein, und im Sommer 1972 reiste ich nach Italien, um Dalla Costa zu treffen und wirkte an der Gründung des International Feminist Collective mit, das die Kampagne „Löhne für Hausarbeit“ startete. „Löhne für Hausarbeit“ war wirklich die Übersetzung dieser Analyse in die Praxis, die im Grunde genommen die Entwertung, der Hausarbeit im Kapitalismus unterworfen war, und die Unsichtbarkeit der Arbeit als Produkt der fehlenden Entlohnung von Hausarbeit erkannte.

Zu dieser Zeit war die „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne unter Feministinnen sehr unpopulär, uns wurde vorgeworfen, die Frauen in den häuslichen Bereich zu verweisen. Aber ein Zweck der Kampagne war es, Hausarbeit sichtbar zu machen, um im öffentlichen Bewusstsein umzudefinieren, was diese Arbeit ist. Wir wollten zeigen, dass es eine zentrale, lebenswichtige Arbeit ist und kein persönlicher Dienst an Männern und ihren Kindern. Die Forderung besaß auch eine wichtige ökonomische Dimension, insofern sie deutlich machte, wie viele Frauen in die Abhängigkeit von Männern gezwungen wurden, weil ihre Arbeit nicht bezahlt wurde. In diese Arbeit waren Machtbeziehungen eingeschlossen, weil Frauen zum Beispiel Gewaltbeziehungen wegen ihrer ökonomischen Abhängigkeit nicht beenden konnten.

Diese Nicht-Entlohnung, dieser Zustand, nicht entlohnt zu werden, verfolgte Frauen, wohin immer sie auch gingen, sogar wenn sie einem Job außerhalb des Zuhauses nachgingen. Wir sahen, dass das Muster, dass Frauen ihre Lebenszeit darauf verwendeten, ohne Entlohnung zu arbeiten, zweifellos der Kern der Zustände war, die sie vorfanden, wenn sie außerhalb des Hauses arbeiteten: Sie waren unterbezahlt, und die meisten Arbeiten, die Frauen fanden, stellten schlicht Ausläufer der Hausarbeit dar.

Wir sahen unsere Forderung nie als Endpunkt, sondern als Nivelliergerät, um die Machtbeziehungen zwischen Frauen und Männern und Frauen und Kapital zu ändern. Sie beinhaltete eine umfassende Analyse des Themas Lohn: Was ist Lohn? Das brachte uns weit über Marx hinaus.

Für Marx verschleiert der Lohn die unbezahlte Arbeit, die Arbeiter_innen erbringen. Was Marx jedoch nicht sieht, ist, wie der Lohn genutzt wurde, um Hierarchien zu organisieren, die die Arbeit spalten, sowohl in Bezug auf Geschlecht als auch hinsichtlich rassifizierter Hierarchien.

Wir betrachteten „Lohn für Hausarbeit“ als die ungerechte, ungleiche sozial-geschlechtliche Arbeitsteilung grundlegend destabilisierend und untergrabend. Im gewissen Sinne erfüllte es dieselbe Funktion, die die Revolte gegen die Sklaverei erfüllt hatte. Wir sagten immer, dass es einen wichtigen Unterschied zwischen dem Kampf der Sklav_innen für die Bezahlung ihrer Arbeit und dem Kampf der Arbeiter_innen für höhere Löhne gibt. Die Forderung „Lohn für Hausarbeit“ enthüllt eine ganze soziale Architektur, die extrem wirkmächtig darin war, die Spaltung zwischen Menschen zu erhalten und einem Teil von ihnen eine riesige Menge unbezahlter Arbeit zuzumuten.

Das waren Ziel und Argumentation der Kampagne, die, wie ich erwähnt habe, von vielen Teilen der Frauenbewegung abgelehnt wurde. Aber in letzter Zeit habe ich eine Veränderung festgestellt, und eure Frage reflektiert, dass es ein neues Interesse gibt, von dem ich denke, dass es damit zu tun hat, dass dreißig Jahre später die trügerische Hoffnung der Frauenbewegung hinsichtlich der emanzipativen Kraft von Lohnarbeit außer Haus stark abgenommen hat.

TNS Wenn man die ersten Essays in „Revolution at point zero“ liest, erweist sich deine Art, über Reproduktion zu sprechen, wirklich als sehr erhellend: das Aufzeigen dessen, was das Arbeitsverhältnis daran ist, dass es tatsächlich eine Form wertvoller Arbeit ist und die Forderung „Lohn für Hausarbeit“ als Werkzeug zur Enthüllung all dessen zu gebrauchen.

SF Ja! Eigentlich habe ich das Eröffnungs-Essay des Buches „Lohn gegen Hausarbeit“ genannt, weil uns sehr klar war, dass Lohn für Hausarbeit gleichzeitig Lohn gegen Hausarbeit bedeutet. Frauen, die gegen Hausarbeit revoltierten, litten unter immensen Schuldgefühlen. Sie haben sich selbst nie als kämpfende Arbeiterinnen gesehen. Auch ihre Familien oder ihr Umfeld haben sie nicht als Arbeiterinnen im Kampf gesehen wenn sie diese Verpflichtungen verweigerten, sondern als schlechte Frauen. So sehr war das naturalisiert. Du wurdest nicht als Arbeiterin gesehen, du wurdest nur betrachtet als eine Frau, die ihrem natürlichen weiblichen Schicksal gerecht wird. Lohn für Hausarbeit bedeutete für uns, die Nabelschnur zwischen uns und der Hausarbeit zu durchtrennen.

TNS Um bei der ökonomischen Bedeutung von Hausarbeit zu bleiben: Viele Leute würden behaupten, die kapitalistische Produktionsweise besteht darin, an einen Arbeitsplatz zu gehen, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen und Lohn zu erhalten – und das ist dann Kapitalismus. Hausarbeit fällt aus diesem Rahmen. Wie würdest du auf diese Darstellung antworten?

SF Ich bin absolut anderer Meinung! Tatsächlich ist das der Grund, warum ich mit der historischen Arbeit begann, deren Ergebnis „Caliban und die Hexe“ war. Ich wollte ebenso eine historische wie eine theoretische Grundlage haben, um sagen zu können, dass Hausarbeit kein Vermächtnis oder ein Überbleibsel eines vorkapitalistischen Zeitalters war, sondern eine bestimmte Art von Tätigkeiten, wobei die mit diesen Tätigkeiten verbundenen sozialen Beziehungen durch den Kapitalismus errichtet wurden. Mit anderen Worten: Es war eine neue Art von Tätigkeiten.

Meine Arbeit zielte darauf ab, zu zeigen, wie der Kapitalismus die Figur der Hausfrau erschuf. Offensichtlich antwortete er zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten auf unterschiedliche Anforderungen, aber im 16. bis 17. Jahrhundert begann die Ausdifferenzierung von Tätigkeiten, so dass mit dem Beginn der Marktwirtschaft nur ein paar als Arbeit anerkannt wurden. Nur Lohnarbeit wird gewürdigt und lohnförmige reproduktive Tätigkeiten verschwinden langsam. Das ist der erste fundamentale, grundlegende Schritt.

Aber natürlich kann man dann im Verlauf des darauffolgenden Jahrhunderts und insbesondere im 19. Jahrhundert eine Reihe von sehr spezifischen Strategien feststellen. In „Caliban“ weise ich darauf hin, dass mit dem 17. Jahrhundert Frauen in Europa von den meisten Berufen, denen sie außerhalb des Hauses nachgingen, ausgeschlossen worden waren. Im Mittelalter wurden sie aus den Zünften ausgeschlossen, die in etwa den Arbeiter_innenorganisationen von heute entsprachen. Bald konnten sie nur noch Arbeiten nachgehen, die Formen von Hausarbeit waren, als Krankenpflegerinnen, Ammen, Dienstmädchen, Wäscherinnen, etc. Im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts kann man diese Entstehung einer neuen Arbeiterin, die zunehmend unsichtbar gemacht wird, in ihren konkreten historischen Formen sehr anschaulich erkennen.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkennen wir einen sehr entschlossenen Aufbau der Vollzeit-Hausfrau aus der Arbeiterklasse. Das beweist eine ganze Reihe an Politiken, angefangen mit dem „Familienlohn“, dem Ausschluss von Frauen aus den Fabriken durch verschiedene Schutzgesetze, der Institution des Ehegesetzes. Das ist eine sehr lange Geschichte, aber was klar ist, ist, dass Hausarbeit eine Arbeit ist, die unter die kapitalistische Organisation von Arbeitskraft subsumiert wurde.

Tatsächlich ist sie der Teil des Fließbandes, der die Arbeitskraft produziert. Marx spricht von der Reproduktion des Arbeiters, aber er spricht davon in einer seltsamen Weise. Für Marx vollzieht sich die Reproduktion des Arbeiters durch den Lohn und durch den Erwerb von Waren mittels des Lohns. Der Arbeiter konsumiert die Waren. Im Grunde genommen benutzt er den Lohnscheck, um Essen und Kleidung zu kaufen, konsumiert diese Ware und reproduziert sich so selbst. Es gibt keine Spur irgendeiner anderen Arbeit in dem Bild, das Marx vermittelt.

Ich habe dieses Phänomen immer damit erklärt, dass die Zeit, zu der Marx schrieb, einen Moment in der Entwicklung des Industriekapitals darstellt, in dem eine maximale Beschäftigung von Frauen, insbesondere jüngerer Frauen, in den Fabriken existiert. Vielleicht sah Marx diese Industrialisierung der weiblichen Arbeiterschaft, zumal in der ersten Phase der industriellen Entwicklung Reproduktionsarbeit extrem reduziert stattfand; das ist eine Erklärung, die ich für dieses Missverständnis habe. Offensichtlich ist aber weitaus mehr für die tagtägliche und generationsübergreifende Reproduktion der Arbeitskraft notwendig. Beginnend mit 1860 war dies Arbeit, die zweifellos Frauen zugewiesen wurde.

Ab der Jahrhundertwende und später mit dem Ersten Weltkrieg erfolgt eine konzertierte Produktion der Hausfrau, und Hausarbeit wird zum Objekt einer Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die jedem Mädchen in den Schulen gelehrt wird, und es wird eine ideologische Kampagne in Gang gesetzt, die das Zuhause in ein Zentrum der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft verwandeln soll. Die Behauptung, dass Hausarbeit unbedingt notwendig für den Prozess der Inwertsetzung von Kapital ist, besitzt eine sehr starke historische Grundlage.

TNS Eine große Rolle spielt, dass viele Marxist_innen an der Werttheorie als wichtigem Bestandteil für Analyse und Kritik des Kapitalismus festhalten. Wenn man über Reproduktion spricht, findet man im ersten Band des Kapitals nur ein paar vage gehaltene Seiten, die diesem Thema gewidmet sind, und in etwa sagen, dass jede Reproduktion wiederum Produktion ist. Liegt deinem Streiten für Löhne für Hausarbeit eine entsprechende Werttheorie zu Grunde? Etwas, das es ermöglicht, den Beitrag von Frauen zur Mehrwertproduktion zu verstehen?

SF Die Produktion des Mehrwerts ist ein soziales Produkt. Es ist niemals das Produkt einer bestimmten Tätigkeit oder Person. Das ist etwas aus Marx’ Arbeit, das sehr wichtig ist und gültig bleibt. Im Kapitalismus ist Wertproduktion niemals das Produkt eines bestimmten Ortes, sondern sozial bedingt. Mit anderen Worten gibt es ein ausgedehntes soziales Fließband – im übertragenen Sinne –, das notwendig für die Mehrwertproduktion ist. Mehrwert realisiert sich natürlich nur durch den Verkauf der Arbeitsprodukte. Wenn du eine Fabrik besitzt, die Dutzende Autos produziert, und diese Autos nie verkauft werden, wird auch kein Mehrwert realisiert.

Was ich hier behaupte ist, dass die Tätigkeiten, durch die Lohnarbeiter_innen reproduziert werden, Teil dieses sozialen Fließbandes sind: Sie sind ein Teil des sozialen Prozesses, der der Mehrwertproduktion zugrunde liegt. Auch wenn wir keine direkte Beziehung zwischen dem, was in einer Küche passiert, und der Realisierung von Mehrwert, zum Beispiel durch den Verkauf eines Autos oder irgendeines anderen Produkts, aufzeigen können, sehen wir deutlich den sozialen Charakter der Mehrwertproduktion, eine soziale Fabrik, die über die Fabrik selbst hinausreicht.

Eine längere englischsprachige Fassung dieses Interviews erschien im Februar 2014 bei The North Star, online einsehbar hier. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Strübe und Hannah Schultes.
Zitathinweis: kritisch-lesen.de Redaktion: Die Entstehung des kapitalistischen Patriarchats. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1254. Abgerufen am: 29. 07. 2016 15:57.

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