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Perspektiven der Befreiung

Die windige Internationale - Manuela Bojadžijev
Buchautor_innen
Manuela Bojadžijev
Buchtitel
Die windige Internationale
Buchuntertitel
Rassismus und Kämpfe der Migration
Anhand der bundesdeutschen Migrationsgeschichte und unter Rückgriff auf theoretische Überlegungen von Autoren wie Etienne Balibar, Louis Althusser, Nicos Poulantzas und Toni Negri entwickelt Manuela Bojadžijev eine relationale Theorie des Rassismus und seiner Konjunkturen.
Rezensiert von Katharina Schoenes

Am Anfang der Untersuchung „Die windige Internationale“ von Manuela Bojadžijev steht die Beobachtung, dass die Geschichte des migrantischen antirassistischen Widerstands eine Leerstelle in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung darstellt. Wer weiß beispielsweise, dass Migrant_innen sich Mitte der 1970er Jahre in Reaktion auf die für sie nachteilige Reform der Kindergeldregelung in vielen Städten in so genannten Kindergeldkommitees organisiert und Demonstrationen mit mehr als 10.000 Teilnehmer_innen auf die Beine gestellt haben? Oder dass Arbeiter_innen auf Initiative migrantischer Frauen in einem der vielen „wilden Streiks“ des Jahres 1973 in der Firma Pierburg in Neuss eine Lohnerhöhung und die Abschaffung der Leichtlohngruppe, in der mehrheitlich migrantische Frauen beschäftigt waren, erkämpft haben? Dass diese und unzählige weitere Geschichten des Widerstands in Vergessenheit geraten sind, führt Bojadžijev in Anlehnung an Walter Benjamins Geschichtsphilosophische Thesen darauf zurück, dass Geschichtsschreibung selbst herrschaftlich strukturiert ist: Offiziell wird Geschichte aus der Perspektive der jeweiligen „historischen Sieger“ erzählt; Erinnerungen an soziale Kämpfe und Praktiken des Widerstands gegen Herrschaft und Ausbeutung werden indessen unterdrückt und ausgelöscht.

Dies hat zur Folge, dass Migrant_innen in der bestehenden Geschichtsschreibung wahlweise als gesichtslose, anpassungsbereite Arbeiter_innen, als passive Objekte staatlicher Anwerbepolitiken oder als naive Opfer erscheinen, die sich scheinbar gegen die Ausbeutung in den deutschen Betrieben, die alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus und die schlechten Wohnverhältnisse in den Wohnheimen nicht zur Wehr gesetzt haben. Vor dem Hintergrund dieser problematischen Verengungen entwickelt Manuela Bojadžijev das Vorhaben, einen „Perspektivwechsel“ (S. 46) einzuläuten, die Geschichte der Migration als Geschichte der Kämpfe neu zu verstehen und damit einen Bezug auf die Vergangenheit zu ermöglichen, der nicht existierende Herrschaftsbeziehungen stabilisiert, sondern im Gegenteil „eine Perspektive der Befreiung von Rassismus“ (S. 13) eröffnet. Damit ist zum einen der Anspruch verbunden, das in der deutschen Migrationsforschung bis heute verbreitete Bild der Migrant_innen als Spielbälle von Kräften, auf deren Walten sie keinen Einfluss haben, zu dekonstruieren; zum anderen geht es darum, mit der Vorstellung zu brechen, Rassismus habe in statischer Weise immer die gleichen Gruppen auf die gleiche Art unterworfen. Dem möchte Bojadžijev ein Verständnis von Rassismus entgegensetzen, das die Kämpfe gegen Rassismus zum Ausgangspunkt macht, in dem mithin die Konjunkturen des Rassismus im Verhältnis zu sozialen Kämpfen bestimmt werden.

Autonomie der Migration

Um eine Bestimmung der Konjunkturen des Rassismus in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre vornehmen zu können, entwirft Bojadžijev im ersten Teil des Buches ein begriffliches und theoretisches Instrumentarium, anhand dessen sie im Anschluss die bundesdeutsche Migrationsgeschichte als Geschichte der Kämpfe neu interpretiert. Dies tut sie in Auseinandersetzung mit den für die deutsche Debatte wesentlichen kritischen Rassismustheorien sowie mit drei ihrer Ansicht nach gelungenen Arbeiten zu Kämpfen der Migration und Rassismus in unterschiedlichen kapitalistischen Gesellschaftsformationen. Die detaillierte und äußerst spannend zu lesende Untersuchung der Auseinandersetzungen um Migration, die Gegenstand des historisch-empirischen Kapitels ist, gliedert sich in drei Themenkomplexe: Es geht um Einwanderungspraktiken, um Arbeitskämpfe und schließlich um Auseinandersetzungen im Bereich der Reproduktion (Wohnen, soziale Zentren).

Bojadžijevs Untersuchung liegt eine weite, an das operaistische Verständnis angelehnte Konzeption von sozialen Kämpfen zugrunde. Häufig sind es nicht „spektakuläre“ und singuläre soziale Auseinandersetzungen, die im Zentrum ihrer Analyse stehen, sondern vielmehr „beiläufige“ (S. 120) und „findige“ (S. 118) Praktiken des Alltags, mit deren Hilfe es Migrant_innen „zuweilen kollektiv, mitunter individuell, manchmal nur temporär, aber bisweilen dauerhaft“ (S. 119f.) gelungen ist, sich kleine Freiräume zu schaffen und ausbeuterischen Verhältnissen ein Stück weit zu entfliehen. Hierzu zählen im Bereich der Auseinandersetzungen um Arbeit Strategien wie

„Sabotage, Blaufeiern, Krankmelden, der so genannte ‚Bummelstreik‘, also nicht selten renitente Praktiken, die sich der Arbeit zu entziehen suchten, anstatt sich dieser explizit zu widersetzen. Die Devise lautete eher, so wenig wie möglich anstatt für mehr Geld zu arbeiten“ (S. 154).

Mit Blick auf Einreisetechniken widerlegt Bojadžijev überzeugend den verbreiteten „Mythos“, der besagt, die Arbeitsmigration nach Deutschland sei allein durch den „Ruf der deutschen Wirtschaft nach Arbeitskräften“ (S. 98) initiiert worden. Tatsächlich kann sie zeigen, dass Migrant_innen immer in der Lage waren, verschiedene Einreisewege flexibel miteinander zu kombinieren und die staatlichen Anwerbeabkommen mithin nur einem Versuch gleichkamen, eine bereits existierende Mobilität in geregelte und kontrollierbare Bahnen zu lenken (S. 108). So stark sich also die Ausdrucksformen unterscheiden, die die Kämpfe der Migration in verschiedenen Lebensbereichen und Kontexten angenommen haben, so verbindet sie doch die Gemeinsamkeit, dass sie eine relative Autonomie von staatlichen (Kontroll-) Politiken entwickelt haben. Letztere standen daher immer wieder vor der Herausforderung, sich neu zu organisieren und so auf die autonomen Praktiken zu reagieren – dies ist eine der zentralen Thesen, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.

Historische Verbindungen

In Bojadžijevs Arbeit werden Geschichten des Widerstands erzählt. Sie handeln von Menschen, die selbst nach mehrfachen Abschiebungen nicht bereit waren, ihre Migrationspläne aufzugeben und immer wieder aufs Neue als Tourist_innen, als Mitglieder von (Schein-) Sportmannschaften oder als Künstler_innen eingereist sind, bis sie schließlich Wege fanden, ihren Aufenthalt in Deutschland abzusichern und zu verstetigen. Sie handeln außerdem von Arbeitskämpfen und Mietstreiks, in denen migrantische und deutsche Arbeiter_innen zumindest punktuell in der Lage waren, institutionalisierte Spaltungen zu überwinden und gemeinsame Erfolge zu erzielen. Insofern ist es Bojadžijev auf beeindruckende Weise gelungen, den in Aussicht gestellten Perspektivwechsel hin zu Kämpfen und Subjekten zu vollziehen und

„eine historische Verbindung zwischen den antirassistischen Praktiken heute und den mehrheitlich von Migrantinnen und Migranten getragenen Mietboykotts, Betriebskämpfen und wilden Streiks seit den 1960er Jahren zu ziehen, mithin unserer Zeit die Erinnerung an jene sozialen Kämpfe zurückzugeben, deren Wissen nicht tradiert worden ist“ (S. 12).

Zugleich werden allerdings auch Momente, in denen Menschen sich entsolidarisiert haben sowie Prozesse der Reorganisation von Herrschaft und Rassismus thematisiert – einer einseitigen Romantisierung der Kämpfe der Migration ist somit vorgebeugt.

Nicht ganz so überzeugend wie der Rest der Untersuchung ist das Schlusskapitel. Darin unternimmt Bojadžijev eine Theoretisierung des Verhältnisses von Rassismus und sozialen Kämpfen, verbleibt aber auf einer sehr abstrakten Ebene und formuliert schließlich wenig greifbare Antworten. Nichtsdestotrotz ist „Die windige Internationale“ ein äußerst lesenswertes Buch, das bisher unbekannte beziehungsweise vergessene Perspektiven auf Migration und Rassismus in Deutschland eröffnet, die punktuell immer auch „Perspektive[n] der Befreiung“ (S. 13) (von Rassismus) miteinschließen.

Manuela Bojadžijev 2012:
Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. 2. Auflage.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-667-9.
310 Seiten. 29,90 Euro.
Zitathinweis: Katharina Schoenes: Perspektiven der Befreiung. Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1161. Abgerufen am: 26. 09. 2016 00:40.

Zum Buch
Manuela Bojadžijev 2012:
Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. 2. Auflage.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-667-9.
310 Seiten. 29,90 Euro.
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