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Im Zweifel für den Zweifel

Ich war Mann und Frau - Christiane Völling
Buchautor_innen
Christiane Völling
Buchtitel
Ich war Mann und Frau
Buchuntertitel
Mein Leben als Intersexuelle
Die bewegende Biographie erzählt die Geschichte einer zwangskastrierten intersexuellen Person und klärt darüber hinaus über gesellschaftliche Schieflagen im Umgang mit intersexuellen Menschen auf.
Rezensiert von Anja Gregor

Christiane Völling ist die erste inter* (Schreibweise, die alle Selbstbezeichungen berücksichtigen möchte) Person in Deutschland, die den Arzt, der ihr im Alter von 18 Jahren ohne Zustimmung ihre intakten inneren Geschlechtsorgane entfernt hatte, verklagt und den Prozess 2009 gewonnen hat. Sie legt nun ihre Biographie vor, in der sie (zusammen mit Britta Julia Dombrowe) ihre Geschichte erzählt. Völlings Geschichte steht stellvertretend für den Umgang mit inter* Menschen in Deutschland seit den 1950er Jahren. Sie wählt diesen Weg der Veröffentlichung, um eine breitere Öffentlichkeit über Inter* zu informieren und aufzuklären. Die Biographie ist damit auch ein politisch relevantes Werk im Sinne der Inter*-Bewegung.

Die Konstruktion von Thomas

Christiane Völling wird 1959 mit Genitalien geboren, die nicht ohne weiteres in eine der gültigen Kategorien männlich/weiblich eingeordnet werden können. Sie wird zum Jungen bestimmt und erhält den Namen Thomas. Dass sie unter dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS) mit Salzverlust leidet, wird jedoch nicht erkannt: AGS ist eine Stoffwechselerkrankung, die in dieser schweren Form zum Tode führen kann, da der Körper schwerlich Salz im Körper halten kann. Völling beschreibt, dass sie als Kind „in regelrechten Anfällen händeweise Salz aß“ (S. 26) und vermutet, dass diese Anfälle ihr das Leben gerettet haben könnten. AGS führt zudem zu einer vermehrten Produktion von so genannten „männlichen Sexualhormonen“, den Androgenen. Bei Menschen mit XX-Chromosomensatz führt das zu einer Veränderung der Genitalien, die dann als „männliche“ oder „uneindeutig“ eingelesen werden können – wie es bei Christiane Völling nach der Geburt geschieht.

Nach der uneingewilligten Entfernung der intakten Eierstöcke und ihrer vollständig ausgebildeten Gebärmutter mit 18 Jahren wird Christiane Völling in der Folge mit hoch dosiertem Testosteron behandelt. Erst mit 46 Jahren erfährt sie durch Zufall, dass ihre reproduktionsfähigen inneren Geschlechtsorgane entfernt wurden. Bis dahin ist sie bereits als schwerbehindert eingestuft (aufgrund ihres lange unbehandelten AGS) und hat seit 1976 diverse Operationen im Genitalbereich zum Aufbau eines normgerechten Penis’ mit künstlichen Hoden hinter sich, die bis heute fortgesetzt werden müssen, weil sie seither unter einer chronischen Harnwegsinfektion leidet.

Verstümmelung und Verachtung

Christianes Leben ist geprägt von Ereignissen, die ihr vermitteln, dass etwas anders ist als bei anderen. Als Kind ist sie bereits überzeugt davon, dass sie ein Mädchen ist, schon damals entscheidet sie sich beim Spiel mit ihrer Schwester für ihren heutigen Namen. Sie leidet unter unerklärlichen Bauchschmerzen, bis es zu einer Blinddarm-Operation kommt. In deren Nachgang findet ein Schlüsselerlebnis statt, das sie auch an anderen Stellen (beispielsweise auf zwischengeschlecht.info oder in der Dokumentation „Die Katze wäre eher ein Vogel“ (2007)) wiederholt benennt. Es ist ein Nachsorgetermin beim „Dorfarzt“ ihres Geburtsortes, nachdem ihr der Blinddarm entfernt werden musste und dabei Eierstöcke und Gebärmutter entdeckt wurden:

„Das was er dann sagte, sollte mein Leben für immer verändern: ‚Na gut. Du bist kein Mann‘, er machte eine Pause, ‚und du bist aber auch keine Frau … Du bist ein Zwitter!‘ Er lachte erneut auf. ‚So was gibt’s eigentlich gar nicht. Höchstens bei einer zu einer Millionen Geburten. Unglaublich!‘ Er setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches und grinste zu mir herab. ‚Da kann man nichts dran machen. Das ist halt so. Damit musst du leben.‘ Ich verstand nicht, was daran lustig war, aber er lachte wieder. […] ‚Tja, Thomas, solche Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und Geld damit verdient. Das kannst du ja auch mal ausprobieren, da bist du eine Sensation, eine Kuriosität!‘“ (S. 59)

Christiane Völling trägt von diesem Ereignis ein Trauma davon, von dem sie sich „nie wieder vollständig erholen“ (S. 60) wird. Sie beginnt, sich selbst als Monster zu sehen und zieht sich in die „selbst gewählte Isolation“ (S. 98) zurück. Medizinische „Untersuchungen“, bei denen sie sich immer wieder entkleiden muss, ihre Genitalien als Anschauungsmaterial für Medizinstudierende herhalten müssen und Nahaufnahmen von ihrem Intimbereich gemacht werden, dringen ungerechtfertigt in ihre Intimsphäre ein und vermitteln umso stärker das Gefühl, „nicht richtig“ zu sein. Das zurückgezogene Leben hält an, bis sie mit Hilfe des Internets auf weitere inter* Personen stößt: „Was haben die Leute bloß in der Zeit vor www. gemacht?“ (S. 125)

„Kontakt! Wir sind viele!“

Die Frage Völlings ist berechtigt: Das Internet war im Allgemeinen wie auch hier im Speziellen gleichsam ein Befreiungsschlag für inter* Menschen. Es gab jetzt ein Medium, über das Menschen, die bisher in der Annahme lebten, die einzigen zu sein, entdecken konnten, dass es mehr als nur sie selbst gibt. Seit den 1990er Jahren konnte sich in Deutschland ein Widerstand von inter* Menschen gegen die uneingewilligten medizinischen Übergriffe formieren. Vorreiter_innen waren die Personen, die 1996 die Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) gründeten.

Und so stellt auch Christiane fest, dass die Behauptung, es gäbe Menschen „wie sie“ nur 1:1.000.000 mal, falsch war. Sie stößt auf die Selbsthilfegruppe der XY-Frauen und fährt bald darauf zu einem ersten Treffen. Sie beschreibt diesen Kontakt im Frühjahr 2006 als ihr „Entkommen aus dem inneren Kerker“ (S. 123). Sie lernt andere inter* Menschen kennen, Eltern von inter* Kindern, Menschen, die bereits Jahre davon wissen und solche, die wie sie zum ersten Mal bei einem Treffen sind. Nach der Kontaktaufnahme beginnt eine rasante Zeit: Christiane Völling, bestärkt durch den Zuspruch und das Gruppengefühl der XY-Frauen, stellt mit Hilfe der vorsitzenden Person der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) einen Antrag auf Änderung des Geschlechtseintrags nach dem Personenstandsgesetz (vgl. §27 PStG). Dieser Antrag bringt diverse Auseinandersetzungen in Gang: Ein endloser „Krieg aus Anträgen, Bescheinigungen, Nachweisen, Attesten, und psychologischen Gutachten“ (S. 129) beginnt. Im Zuge des Gutachtenverfahrens der Krankenkasse muss Völling Unterlagen aus ihrer Krankenakte besorgen – und stößt hier erstmals auf die Information, dass ihr Eierstöcke und Gebärmutter entfernt wurden. Und dass sie einen XX-Chromosomensatz hat. Die Erkenntnis, dass sie vor der Kastration „nicht ‚ein bisschen’ Frau (…), sondern eine richtige Frau mit allem Drum und Dran: Scheide, Gebärmutter, Eierstöcken“ (S. 138) gewesen war, veranlasst sie zur Klage gegen den Arzt, der sie kastriert und ihre Gebärmutter entfernt hatte. Mit Hilfe des Anwalts Dr. Groth aus Düsseldorf gewinnt sie nach eineinhalb Jahren am 12. August 2009 als erste inter* Person einen solchen Prozess.

Fazit: Im Zweifel für den Zweifel

Völlings Buch ist eine bewegende Dokumentation des menschenunwürdigen Umgangs mit Personen, deren Geschlecht medizinisch-körperlich nicht ohne weiteres in eine der zwei gültigen Geschlechtskategorien geordnet werden kann. Die Erlebnisse, die sie schildert, zeigen Menschrechtsverletzungen und gesetzeswidrige Handlungen im Namen einer Norm, die erst durch Menschenversuche an Inter* seit den 1950er Jahren durch John Money zu einem machtvollen Herrschaftsinstrument konstruiert wurde. Erst die Diagnose eines Körpers als ‚intersexuell’ ermöglichte die Konstruktion „eindeutiger“ Körperkategorien männlich/weiblich und der daraus abgeleiteten Stereotype. (Für Interessierte empfiehlt sich zu diesem Themenkomplex die Lektüre von Klöppel 2010 und Eckert 2010.)

Medizinische Eingriffe in inter* Körper prägen den Lebensalltag massiv. Die Selbstmordrate unter inter* Menschen ist signifikant hoch. Die Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie schreibt in einem Flugblatt 1998: „Unseres Wissens zufolge unternehmen 80% der Intersexen Suizidversuche, hiervon 25% erfolgreich.“ (AGGPG 1998) Diejenigen, die überleben, sind oft stark traumatisiert und in ihrer Lebensführung eingeschränkt. So auch Christiane Völling:

„Eine neue Stadt, vielleicht eine kleine Eigentumswohnung von dem Geld [aus dem Schmerzensgeldprozess, Anm. ag] kaufen und eine neue Arbeitsstelle als Schwester Christiane antreten. Das wäre wunderbar. Ein Traum.

Und es würde eine Traum bleiben: 50 Jahre alt, Status: schwerbehindert, Christiane Völling mit Arbeitszeugnissen aus dreißig Jahren Berufsleben, allesamt auf den Namen Thomas Völling ausgestellt. Niemand würde mich einstellen. Für mich gab es kein Leben ohne Erklärungen, und für mich würde es auch keinen Neuanfang geben.“ (S. 227)

Völlings Geschichte ist kein schockierender Einzelfall, sondern die schockierende Normalität im Umgang mit Inter* – bis heute. Dass sich im medizinischen Diskurs trotz Dokumentationen, Zeitungsartikeln, Protesten oder wissenschaftlichen Veröffentlichungen weiterhin die Annahme hält, Inter* sei zu allererst eine Störung der Geschlechtsentwicklung, die behoben werden kann, lässt sich beispielsweise anhand einiger erschreckender Beiträge verschiedener Mediziner_innen im Rahmen des diesjährigen Online-Diskurses des Deutschen Ethikrates nachlesen:

Die verschiedenen Schätzungen zur Häufigkeit von Inter* variieren je nachdem, wer die Zahlen veröffentlicht und welcher Zweck damit verfolgt wird. Die Zahlen bewegen sich zwischen 0,02 und 4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Jeden Tag wird ein Kind geboren, dessen Genitalien die Ärzte bei der Zuordnung zu einer gültigen Kategorie überfordern. Die erforderliche Provokation in Richtung Medizin ist die Frage: Warum Zuordnen?
„Jeder Mensch, der nicht intersexuell ist, kennt gewiss einen Intersexuellen – ohne es zu wissen.“ (S. 223) Dieses Wissen könnte, sollte, alle nicht-inter* Menschen verpflichten, gegen die Menschenrechtsverletzungen vorzugehen, die im Namen der Normierung von inter* Körpern und entgegen geltendem Recht geschehen. Indem solidarisch gehandelt, parteilich informiert und politisch gefordert wird: „Im Zweifel für den Zweifel.“ (Tocotronic 2010)

Zusätzlich verwendete Literatur

Eckert, Christina Annalena 2010: Intervening in Intersexualisation: The Clinic and the Colony. Proefschrift Universiteit Utrecht. Siehe hier

Klöppel, Ulrike 2010: XX0XY Ungelöst. Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität. Bielefeld.

AGGPG 1998: Flugblatt. Siehe hier

Jilg, Melanie (2007): Die Katze wäre eher ein Vogel. Ein visuelles Hörstück. Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Siehe hier

Christiane Völling 2010:
Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle.
Fackelträger, Köln.
ISBN: 978-3-7716-4455-0.
255 Seiten. 4,99 Euro.
Zitathinweis: Anja Gregor: Im Zweifel für den Zweifel. Erschienen in: Überschneidungen von Unterdrückungen. 10/ 2011. URL: http://kritisch-lesen.de/c/942. Abgerufen am: 24. 05. 2016 15:39.

Zum Buch
Christiane Völling 2010:
Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle.
Fackelträger, Köln.
ISBN: 978-3-7716-4455-0.
255 Seiten. 4,99 Euro.
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