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Geschlecht in der Legitimierung des Kriegs gegen Afghanistan in deutschen Medien

Gendering 9/11 - Andrea Nachtigall
Buchautor_innen
Andrea Nachtigall
Buchtitel
Gendering 9/11
Buchuntertitel
Medien, Macht und Geschlecht im Kontext des »War on Terror«
Andrea Nachtigall zeigt in ihrem Buch die geschlechtlichen Zuschreibungen in den Diskursen um „9/11“.
Rezensiert von Heinz-Jürgen Voß

„9/11“ ist nicht nur die Kurzformel für die Anschläge vom 11. September 2001, sondern es verbinden sich damit weitreichende gesellschaftliche Einschnitte. Als „War on Terror“ wurde von den westlichen Staaten der Krieg gegen Afghanistan begonnen und es werden von verschiedenen Akteur_innen mit Bezug zu 9/11 global militärische Interventionen sowie die „vorsorgliche“ Ermordung von Menschen durch Drohnen-Angriffe gerechtfertigt. In den westlichen Staaten wurden Menschen- und Bürgerrechte kassiert – auch dafür galt und gilt 9/11 als Begründung.

Voraussetzung war es hierfür, dass die Anschläge nicht als Verbrechen auf rechtstaatlicher Basis geahndet, sondern als singuläres, besonders grausames Ereignis eingeordnet wurden. Diese Einstufung begann direkt nach den Anschlägen – und sie zeigt sich von Anfang an auch in der Bundesrepublik Deutschland und in den deutschen Medien. Andrea Nachtigall zeichnet in ihrer Diskursanalyse zur medialen Berichterstattung die Argumentationsweisen in den ersten drei Monaten nach dem 11. September nach. Dabei skizziert sie die allgemeine Behandlung der Anschläge und der sich anschließenden internationalen Entwicklungen, um sich ausführlicher den Thematisierungen von Geschlecht zuzuwenden.

Untersucht hat die Autorin dafür zwei der so genannten deutschen „Leitmedien“ – die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und den Spiegel. Die Auswahl begründet sie über die weite Verbreitung dieser Medien sowie der ihnen zugeschriebenen Meinungsführerschaft. Im Untersuchungszeitraum, der vom 12. September 2001 bis zum 31. Dezember 2001 reicht, erschienen in diesen beiden Medien insgesamt 4.225 (!) thematische Artikel, von denen Nachtigall – begründet – die aussagekräftigsten zur detaillierten Analyse ausgewählt hat. Der 31. Dezember markiert den Zeitpunkt, „als die afghanische Übergangsregierung ihr Amt angetreten“ und „der Bundestag der Beteiligung der Bundeswehr an der ‚Schutztruppe‘ für Afghanistan zugestimmt hat“ (S. 80). In beiden Medien seien die Anschläge bereits von der Ausgabe des 12. September an als „Krieg“ bezeichnet und so auf eine Ebene gehoben wurden, die sich dem rechtstaatlichen Zugriff entziehe (S. 95, 105). FAZ und Spiegel griffen auf Superlative zurück. Während sich im Spiegel eine „bildgewaltige“ Sprache (S. 95) zeigte, habe in der FAZ das visuelle Moment dominiert. Zwei großformatige Fotos prägten die Titelseite – seit dem Bestehen der Zeitung war lediglich bei 30 Ausgaben überhaupt ein Foto auf der Titelseite, vor 2001 zuletzt am 4. Oktober 1990 (S. 104).

Staatsmänner und Sanitäterinnen

In der Berichterstattung, in der es um die Anschläge, die Opfer, die Attentäter, die mögliche Rache-Aktion der USA, die Beteiligung der übrigen NATO-Staaten an dieser sowie schließlich den Verlauf des Krieges gegen Afghanistan ging, wurde dominant auf geschlechtliche Markierungen zurückgegriffen. Diese analysiert Andrea Nachtigall genauer und untersucht dabei zunächst die Darstellungen von George W. Bush, Gerhard Schröder, „Joschka“ Fischer. Sie arbeitet heraus, wie diese Personen als entschlussfähig und durchsetzungsstark gezeichnet und als männlich markiert wurden, während das Austarieren verschiedener Positionen, insbesondere in der Partei Bündnis 90 / Die Grünen, in den Zeitungen als chaotisch, unsicher, ängstlich und nervös delegitimiert, als weiblich-emotional beschrieben und mit dem Namen Claudia Roth verknüpft wurde. Tenor ist in den Darstellungen: Ein „Staatsmann“ müsse rational handeln und sich dabei auch gegen Bedenken durchsetzen. Krieg wird in den beiden Zeitungen so als mögliche und rationale Konsequenz der Anschläge des 11. September dargestellt.

Auch die Beteiligung Deutschlands am Krieg gegen Afghanistan mit Einheiten der Bundeswehr wird in den Beiträgen in FAZ und Spiegel als Reaktion auf die Anschläge erklärt. Es wird ein Bild von Deutschland als Nation gezeichnet, die nun „erwachsen“ werde. Die Zurückhaltung nach dem Zweiten Weltkrieg sei vorbei und Deutschland übernehme nun wieder „Verantwortung“ in der Welt. Deutsche Soldaten werden so nicht mehr als Fortsetzung des Zivilen, quasi als „Sozialarbeiter in Uniform“ (S. 211), geschildert, sondern in ihrer Kampffähigkeit und -bereitschaft. Auch hierbei werden in den Zeitungen männliche Zuschreibungen bemüht. Obwohl zu diesem Zeitpunkt – seit Januar 2001 – bereits Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr „Dienst tun“ durften, fehlen sie in der medialen Diskussion fast vollständig. Nachtigall hält fest: „Eine explizite Nennung weiblicher Soldatinnen erfolgt z.B. dann, wenn es nicht um Krieg, sondern um ‚Frieden‘ bzw. deutsche ‚Friedensmission‘ im Ausland […] oder um den Sanitätsdienst […] geht“ (S. 241). Aus den neueren Entwicklungen sind hier Änderungen zu erwarten, weil die Bundeswehr zunehmend versucht, sich als „emanzipatorisch“ darzustellen und Frauen in den eigenen Reihen besser die Begründung von Kriegen als „Zivilisierungsmission“ ermöglichen.

Zivilisierungsmission

Die Begründung des Krieges gegen Afghanistan als Zivilisierungsmission kam in FAZ und Spiegel auf andere Weise zum Tragen: Es wurde als notwendig beschrieben, die afghanischen Frauen vor den afghanischen Männern zu retten. Afghanistan und insbesondere die Taliban wurden als patriarchalische Gesellschaft gezeichnet – in Abgrenzung zu einer emanzipatorischen deutschen. Gebündelt werden die diagnostizierten patriarchalen Zustände als Kennzeichen des Islams und teilweise differenziert als Islamismus. Auch dies dient wiederum der Erhöhung deutscher, christlich-säkularer Kultur. So schreibt der Spiegel:

„Die Geschichte des Christentums ist über anderthalb Jahrtausende ebenfalls prall gefüllt mit Beispielen eines gewalttätigen Fanatismus – auch wenn dieser Radikalismus heute im Vergleich zum Islam und zum Judentum weit weniger virulent ist. […] Es war die Bewegung der Aufklärung...“ (S. 259, Hervorhebungen ausgelassen).

Diese Passage ist durchaus bemerkenswert, weil sich hierin die Gegensatzbildung andeutet, die heute zunehmend an Kontur gewinnt: Auf der einen Seite sei das aufgeklärte Christlich-säkulare und Deutsche, dagegen stünden nicht-aufgeklärte und zu zähmende beziehungsweise zu zivilisierende Jüd_innen und Muslim_innen.

Ihre ausführliche und tiefe Quellenarbeit erdet die Autorin durch einen dem Buch vorangestellten theoretischen und methodischen Hintergrund. Sie skizziert dort die Ausarbeitungen insbesondere des Forschungsbereichs Internationale Beziehungen und der feministischen Friedens- und Konfliktforschung, wendet sich der Vereinnahmung feministischer Forderungen zur Durchsetzung eines aktuellen westlichen, deutschen Herrschaftsanspruches zu und streift dabei auch das Konzept des „Homonationalismus“ – auch Homosexuelle stellen sich in den Dienst deutscher nationaler Interessen und Homosexuellenrechte werden in westlichen Beschreibungen als Ausdruck eigener „Zivilisiertheit“ und „Überlegenheit“ genutzt. Dazu passt es auch, dass den Attentätern vom 11. September in Beiträgen der FAZ eine deviante Sexualität und der Diskurs-Figur Bin Laden eine „unterdrückte Homosexualität“ (S. 291) diagnostiziert wird. Einzig die Fülle des von der Autorin bearbeiteten Materials und die kleinteilige Herausarbeitung der Diskursstränge provozieren partiell Wiederholungen und erschweren die Lektüre. Von daher kann es sich auch lohnen, nur einzelne und besonders interessierende Kapitel genau zu lesen. Nachtigall ist für die gründliche und exemplarische Untersuchung eines solch großen Corpus an Material zu danken.

Andrea Nachtigall 2012:
Gendering 9/11. Medien, Macht und Geschlecht im Kontext des »War on Terror«.
transcript, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-2111-2.
478 Seiten. 34,80 Euro.
Zitathinweis: Heinz-Jürgen Voß: Geschlecht in der Legitimierung des Kriegs gegen Afghanistan in deutschen Medien. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1212. Abgerufen am: 28. 09. 2016 14:05.

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Andrea Nachtigall 2012:
Gendering 9/11. Medien, Macht und Geschlecht im Kontext des »War on Terror«.
transcript, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-2111-2.
478 Seiten. 34,80 Euro.
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