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Bundeswehr macht Schule

Soldaten im Klassenzimmer - Michael Schulze von Glaßer
Buchautor_innen
Michael Schulze von Glaßer
Buchtitel
Soldaten im Klassenzimmer
Buchuntertitel
Die Bundeswehr an Schulen
Das Buch verdeutlicht, mit welchen Strategien die Bundeswehr an Schulen Nachwuchs rekrutiert – und widmet die Aufmerksamkeit auch ausgiebig dem antimilitaristischen Widerstand.
Rezensiert von Ismail Küpeli

Seit vielen Jahren fordern deutsche PolitikerInnen, dass die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einer Streitmacht umgestaltet wird, die für deutsche Interessen global eingesetzt werden kann. Zuletzt plädierten Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen für eine „aktivere Rolle Deutschlands“ in der Welt und für ein Ende der vermeintlichen militärischen „Zurückhaltung“ der BRD. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Bundeswehr-Reform, die auf einen personell verkleinerten aber schlagkräftigeren Militärapparat abzielt. Die sicherheitspolitische Umorientierung führte bereits 2011 zu der faktischen Abschaffung der Wehrpflicht.

Allerdings benötigt auch eine personell verkleinerte Bundeswehr neue, junge und fähige RekrutInnen, insbesondere für die zunehmenden Auslandseinsätze. Während die Bundeswehr die SoldatInnen bis 2011 hauptsächlich unter den Wehrdienstleistenden rekrutierte, haben sich inzwischen die Schulen zum Hauptrekrutierungsfeld für die Armee entwickelt. Während die breitere Öffentlichkeit diese Entwicklung nicht registrierte, beschäftigen sich AntimilitaristInnen verstärkt um die Einflüsse der Armee in den Schulen. Neben zahlreichen Blogs, Flugblättern, Informationsbroschüren und Zeitungsartikeln sind auch erste größere Publikationen erschienen. In „Soldaten im Klassenzimmer – Die Bundeswehr an Schulen“ bespricht Michael Schulze von Glaßer die verschiedenen Rekrutierungsmethoden der Bundeswehr und stellt die Aktivitäten von AntimilitaristInnen dar.

Zuerst werden die sicherheitspolitische Umorientierung der BRD und die damit verbundene Anforderung an das eigene Militär skizziert. Anschließend wird die widersprüchliche Wirkung der Abschaffung der Wehrpflicht deutlich gemacht: Während diese Maßnahme einerseits zu der erwünschten personellen Verkleinerung und Fokussierung auf „Fachkräfte“ beiträgt, führt sie andererseits dazu, dass der bisherige Personalpool, aus dem die SoldatInnen rekrutiert wurden, wegfällt. Ebenfalls – aus der Sicht der Armee – negativ wirkt der Afghanistan-Krieg auf die Bereitschaft von Menschen, als SoldatInnen zu arbeiten. Der Autor beschreibt die Kooperationen zwischen der Bundeswehr und den Bildungsministerien, die es der Armee erleichtern, die jungen Menschen zu erreichen, die eher als beeinflussbar und damit als rekrutierbar gelten. Dabei greift das Militär auch zu indirekteren Formen, weil eine offene Rekrutierung vielfach nicht funktioniert – nicht zuletzt, weil die SchülerInnen Wissen um die Gefahren des Soldatendaseins haben. Stattdessen mischt die Bundeswehr bei der Schulbildung mit, um durch Jugendoffiziere den SchülerInnen die vermeintliche Notwendigkeit von Kriegen und die moralische Legitimation von internationalen Interventionen näher zu bringen. Inzwischen ist die Bundeswehr auch in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte selbst aktiv, um LehrerInnen in ihrem Sinne zu formen und direkte Kontakte zu bilden.

Neben der Analyse der Aktivitäten der Bundeswehr werden auch antimilitaristische Aktionen beschrieben. Diese erstrecken sich hauptsächlich über zwei Bereiche: Zum einen versuchen AntimilitaristInnen sichtbar zu machen, wo vor Ort in der eigenen Region die „Heimatfront“ verläuft, das heißt die Logistik- und Rüstungslinien des Militärs aufzuzeigen und damit klar zu machen, dass Krieg nicht etwas ist, das weit weg stattfindet und mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat. Zum anderen geht es darum, die zunehmende Militarisierung der Außenpolitik und das Übergreifen des Militärischen in vielen sozialen Bereichen aufzuzeigen und zurückzudrängen. Der Autor bleibt glücklicherweise nicht auf dieser allgemeinen Ebene stehen, sondern formuliert Ideen und Vorschläge, wie SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen konkret gegen die Bundeswehr-Aktivitäten an ihren Schulen agieren können. Mögliche „Gegenmaßnahmen“ sind etwa ein „Hausverbot“ durch die Schulkonferenzen für die Bundeswehr an der jeweiligen Schule oder die Selbstermächtigung der SchülerInnen, um den Bundeswehr-Offizieren im Schulunterricht Paroli zu bieten.

Die Publikation ist lesenswert, nicht zuletzt weil der Autor auf Alarmismus weitgehend verzichtet. Stattdessen wird beschrieben, dass die Bundeswehr nicht durchgehend erfolgreich ist und so etwa die gewünschte Zahl der RekrutInnen nach wie vor nicht erreicht wird – trotz der zahlreichen Versuche dies zu ändern. Erfrischend ist die Kritik gegenüber den antimilitaristischen und friedenspolitischen Organisationen, die ihre eigene Macht überschätzen und so etwa in einigen Fällen als Gegenpart zur Bundeswehr in den Schulen agieren möchten. Des Weiteren werden durch fünf Interviews andere Perspektiven und Ansätze angedeutet und den LeserInnen zugänglich gemacht. Die Publikation ist sehr eingängig geschrieben und auch für Nicht-ExpertInnen gut verständlich. Negativ fällt dagegen der Verzicht auf eine gendergerechte Sprache auf, der lediglich mit der vermeintlichen Störung des Leseflusses durch Alternativen zum generischen Maskulinum erklärt wird.

Michael Schulze von Glaßer 2012:
Soldaten im Klassenzimmer. Die Bundeswehr an Schulen.
PapyRossa, Köln.
ISBN: 9783894384920.
135 Seiten. 12,00 Euro.
Zitathinweis: Ismail Küpeli: Bundeswehr macht Schule. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1217. Abgerufen am: 26. 05. 2016 00:34.

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Michael Schulze von Glaßer 2012:
Soldaten im Klassenzimmer. Die Bundeswehr an Schulen.
PapyRossa, Köln.
ISBN: 9783894384920.
135 Seiten. 12,00 Euro.
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