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Autobiografische Erzählungen und Analysen

InderKinder - Urmila Goel, Jose Punnamparambil, Nisa Punnamparambil-Wolf (Hg.)
Buchautor_innen
Urmila Goel, Jose Punnamparambil, Nisa Punnamparambil-Wolf (Hg.)
Buchtitel
InderKinder
Buchuntertitel
Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland.
In autobiographischen Erzählungen und Essays werden unterschiedliche Perspektiven von Kindern indischer Migrant_innen auf Zuschreibungen, Rassismus und Assimilation sichtbar.
Rezensiert von Biplab Basu

Als Inder war ich, in gewissem Sinne, für meine Freund_innen von kritisch-lesen.de prädestiniert, eine Rezension zum Buch „InderKinder“ zu schreiben; und ich habe dieses Angebot auch gerne angenommen, obwohl ich selten meine Gedanken schriftlich fixiere. Der von Urmila Goel, Jose Punnamparambil und Nisa Punnamparambil-Wolf herausgegebene Band „InderKinder: über das Aufwachsen und Leben in Deutschland“ widmet sich mit elf autobiographischen Erzählungen und acht Essays den Erfahrungen und Erinnerungen, dem Leben und Wirken der (erwachsenen) Kinder nach Deutschland eingewanderter Inder_innen. Die Essays analysieren anhand der Erzählungen Begriffe wie Identität, Zuschreibung, Zugehörigkeit, Rassismus, Inter/Multikulturalismus, Assimilation und Integration. Die Essyas profitieren von der Fachkenntnis und der Belesenheit der Autor_innen.

Im ersten Teil, in dem die Kinder selbst zu Worte kommen, wird mehrheitlich ein Bild von sich als autonom wahrnehmenden Menschen präsentiert, wobei nicht alle so klar und eindeutig wie Simon Chaudhuri sind. Er ist erfolgreich im Leben:

„Ich bin stolz, Inder zu sein [...].Wir passten uns gut an, waren vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und nutzten die vielen Möglichkeiten, die uns ein Leben in Deutschland ermöglichte. Allerdings wäre diese Form von Integration, die ich im Übrigen auch sehr befürworte, nur in Deutschland möglich" (S. 71).

Er ist der Meinung, dass das deutsche Integrationsmodell „ermöglicht, dass Deutsche und Ausländer auf einer Stufe stehen können, keiner aber gezwungen wird, dafür auf etwas zu verzichten“ (S. 71f.). Seine standesamtliche Trauung in Kopenhagen – „als indischer Staatsbürger durch die Bürokratie weiterhin einfacher als in Deutschland“ (S. 79) – sieht er nicht als Folge einer rassistischen Familienpolitik.

Wie wirkt Rassismus?

Die anderen Autor_innen stellen sich – trotz berichteter Zerissenheitsgefühle, dem Gefühl, „zwischen den Stühlen“ zu sitzen – als unabhängig von den Vorstellungen ihrer Eltern und Verwandten dar. Der empfundene Spagat zwischen zwei Kulturen wird oftmals als Bereicherung empfunden, ein Beitrag bezeichnet dies als „Rosinenpicken" - sich das Beste aus beiden Kulturen herauspicken. Die Überzeugung, in der eigenen Identitätsentwicklung nicht beeinflusst worden zu sein betrifft auch Erinnerungen an Situationen, in denen die Autor_innen „anders" behandelt wurden. Dass diese Situationen meist nicht in den Kontext von Rassismus gestellt und negativ bewertet werden, könnte der einseitigen Auswahl der Erzählenden geschuldet sein: So gehören die Erzähler_innen bis auf eine Ausnahme einer gebildeten Mittelschicht an. Sie sind Kinder der zu Studienzwecken nach Deutschland eingewanderten Inder_innen oder auch von Ingenieur_innen und Facharbeiter_innen. Als Inhaber_in dieses sozialen Status hatten die Erzähler_innen möglicherweise genug Teilhabechancen, um die Erlebnisse, in denen ihnen Teilhabechancen verwehrt wurden, nicht als rassistisch zu verstehen und das auch zu kritisieren und aufzubegehren. Stattdessen findet sich in vielen Erzählungen die Tendenz, die erlittene Behandlung zu rechtfertigen, was wohl auch großer Anpassungs- und Assimilationswilligkeit geschuldet ist. Wie zum Beispiel Maymol Devasia-Demming, die die allgemeine Empfehlung „Sprecht Deutsch mit euren Kindern“ aus der Zeit ihrer Kindheit als Antwort auf die Frage: „In welcher Sprache hat deine Mutter mit dir gesprochen?“ (S. 30) erwähnt. Dass die InderKinder freiwillig mehr Deutsch sprechen, beziehungsweise fast nur Deutsch sprechen statt irgendeine Sprache aus Indien, mag ihrem Wunsch geschuldet sein als integriert zu gelten! Aber eine kritische Reflexion der rassistischen Sprachpolitik und Hierarchisierung der Sprachen fehlt hier eindeutig. An einer anderen Stelle merkt Maymol Devasia-Demming an:

„Meine Eltern, die sich in Deutschland nichts zu Schulden hatten kommen lassen, sich gut in die deutsche Gemeinde integriert hatten, unbefristete Arbeitsverhältnisse hatten, gut informiert waren, mussten nun erleben, dass ein kleines Versäumnis ihrerseits dazu führte, dass ihre in Deutschland geborene Tochter kein Recht mehr darauf hatte, die Aufenthaltsberechtigung zu erhalten“ (S. 36).

Diese für ein Kind unverständliche Gesetzesinterpretation der Ausländerbehörde interpretiert sie jedoch nicht als rassistische Diskriminierung.

Lediglich bei einem in einem Arbeiterviertel aufgewachsenen Erzähler findet sich Wut über die Behandlung und den zugewiesenen Stand in der Gesellschaft. Die Diskriminierungsformen in seinem Umfeld waren vermutlich wesentlich weniger verdeckt und „angenehm" und ihm wurde vermutlich weniger Gelegenheit gegeben, die Kultur seiner Eltern als wertvoll zu präsentieren. Es ist daher vielleicht verständlich, dass er das Aufwachsen in Deutschland anders, weitaus wütender bewertet, da er im Gegensatz zu allen anderen Erzähler_innen in einer Wohnsiedlung aufwuchs, in der die Kinder ganz offen als Problem wahrgenommen wurden. Er begriff, dass seine „Hautfarbe unerwünscht“ war: „Beleidigenden Worten setzte ich die Faust entgegen.“ Seine Situation empfand er als „ausweglos“ und fragte sich „warum ich?“ (S. 83f.)

Was fehlt?

Neben den Lebensgeschichten verschiedener Autor_innen und dem Essayteil als Analyse dieser durch unterschiedliche Autor_innen behandelt das Buch die Themen Migration, Inter-und Multikulturalität, zugeschriebene und anerkannte Identität sowie Diskriminierung und Rassismus. Das ist mehr oder weniger gelungen. Die sehr kurz gefassten Erzählungen dienen viel mehr einer Gesellschaftsanalyse als einem Einblick in die komplexen Lebensgeschichten einzelner Autor_innen. Daher verstehe ich die Lektüre als eine Auseinandersetzung auch der Herausgeber_innen mit dem Thema Migration (und allem anderen, was dazu gehört).

Die Lebensgeschichten zeigen, dass sie einiges gemeinsam haben: Alle wuchsen in mehr oder weniger „intakten Familienverhältnissen“ auf, die Eltern sind meisten aus der Mittelschicht und besitzen höhere Bildung. Die Autor_innen schreiben darüber, wie, unter welchen Umständen und wo in Deutschland sie aufgewachsen sind. Auch berichten sie von Zuschreibungsprozessen in der Schule/Hochschule.

Was im Essayteil überhaupt nicht erwähnt wird, ist die Frage danach, welche Unterschiede es in dieser Gesellschaft zwischen „InderKindern“ und Kindern der geflüchteten Migrantinnen aus Indien gibt. Welchen rassistischen Anfeindungen und Vorurteilen waren sie ausgesetzt? Es ist nicht zwingend notwendig eine Antwort auf diese Frage zu haben, aber für eine analytische Auseinandersetzung mit Themen wie Identität, Zuschreibung und Rassismus wäre es hilfreich gewesen.

Den Migrant_innen aus Indien, ob sie „freiwillige“ Auswander_innen oder Geflüchtete sind, fehlt, wie das Buch zeigt, eine große und starke Community wie die der „Gastarbeiterinnen“ aus der Türkei. Das Habitat der indischen Migrant_innen – in keiner deutschen Stadt gab es Gebiete, in denen indische Migrant_innen in großer Zahl repräsentiert waren – zeigt auch, dass sie viel schlechter gewappnet waren, sich selbst gegen die Assimilationsangriffe der ethnisch deutschen Gesellschaft zu verteidigen, als die „Gastarbeiterinnen“ aus der Türkei.

Der vorliegende Band füllt eine Lücke: In einem Band Erzählungen und deren Analyse zu vereinen, ist ein sehr anspruchsvolles Unternehmen. Die Essayist_innen haben die Analyse eines Diskurses vorgenommen und das ist ihnen trotz genannter Kritikpunkte gut gelungen.

Urmila Goel, Jose Punnamparambil, Nisa Punnamparambil-Wolf (Hg.) 2012:
InderKinder. Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland.
Draupadi, Heidelberg.
ISBN: 978-3-937603-73-5.
220 Seiten. 19,80 Euro.
Zitathinweis: Biplab Basu: Autobiografische Erzählungen und Analysen. Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1163. Abgerufen am: 29. 08. 2016 16:36.

Zum Buch
Urmila Goel, Jose Punnamparambil, Nisa Punnamparambil-Wolf (Hg.) 2012:
InderKinder. Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland.
Draupadi, Heidelberg.
ISBN: 978-3-937603-73-5.
220 Seiten. 19,80 Euro.
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